Hysterische Entspannung in der Zeit meines Schreibens


Pools of sorrow, waves of joy
Are drifting through my opened mind
Possessing and caressing me.
Jai Guru Deva, Om…
nothing’s gonna change my world…

—The Beatles, Across the Universe

Wahrscheinlich schreibe ich gerade dann am wenigsten, wenn ich am meisten zu schreiben haette. Dann erfuellt mich die Gewissheit, dass ich mich nun eigentlich hinsetzen und ein ganzes Buch schreiben müsste und dann sperrt es sich in mir, das ist ausgeprägte Angangsfaulheit, denn, das Buch schriebe sich doch wie von allein, finge man nur erst einmal an.

Dabei sind die Erwägungen gegen das gesammelte und sammelnde Schreiben grundsätzlicher Natur: wielange kann ich mich an einen Gegenstand binden, darüber zu schreiben, wie sehr das Thema vertiefen/erweitern, ohne in beliebige Variationen abzurutschen? Der taegliche Ausnahmezustand in Sachen nicht-körpereigener Drogenzufuhr aus 8-12 Tassen starken Kaffees trägt sein übriges bei zum Ideentanz, zur Projektemacherei, nur dass ich anders als Balzac dabei eher zerrütte und mich zerfranse als taeglich einen gefuehlten Roman zu schreiben. So kommt es vorerst nur zur Schmiererei in die Kladde, Entwurf bleibt stecken, wir kennen das. Eine Befreiung einer solchen Schreibblockade inmitten einer Masse von Stoff(en) kann inszeniert werden, indem man sich/es schreiben lässt. Das behaupte ich hiermit einfach felsenfest und schon kanns losgehen.

Auf die Plätze, fertig….STOP!! (Denn während ich dies schreibe, kurz der Gedanke in meinem Kopf: “Da weiß jetzt nach Veröffentlichung aber auch die NSA, dass du derzeit an einer Schreibblockade leidest. Und was machen die mit dieser Information jetzt aus mir bzw. dem, der ich bin oder sein soll?“) Dieser Gedanke ist weder kokett noch lustig noch Präsentationstapet für eine halbwegs misslungene Pointe aus der derzeit so bewährten Kategorie “Politischer Skandal? Da reagiere ich tiefenentspannt!“, sondern ein mich eher bis ins Mark beängstigender Gedanke, wie weit es mit dem sukzessiven, aber fundamentalen Abbau unserer Bürgerrechte bereits gekommen ist.)

Aber mein Schreiben will einen Sprung machen, also:  hauptsächlich arbeite ich nicht, um kein Geld zu verdienen. Außerdem arbeite ich hauptsächlich nicht, um schreiben und vor allem einmal: denken zu können und damit verdient man zwar kein oder kaum Geld, aber es ist meine Arbeit und mein Beruf. Kein Job, eine Berufung. Desweiteren arbeite ich nicht, um nicht im System abzustumpfen und damit ich mir nichts leisten kann. Ich kann also auch feststellen: hauptsächlich arbeite ich nicht, damit ich nicht im Publikumsverkehr mit Stöpseln in den Ohren auf meinem Smartphone herumwische, während ich aufbreche, in die Konsumwelt auszuziehen. 

Auch schreibe ich aus Trost. Will sagen: um zu trösten. In allererster Linie mich zu trösten, da ich ja nicht weiß, wie man andere mit seinem eigenen Schreiben trösten sollte, aber wer Trost in diesen oder anderen Zeilen findet: Herzlich Willkommen und willkommener Kollateralnutzen. Sie müssen dafür nicht bezahlen, lieber Leser, ich profitiere nicht, daran hängt auch kein persönliches Geschäftsmodell. Wir müssen doch nicht schreiben, um zu verdienen. 

Die Hauptfrage, die ich an mich richte, will heißen: wo will man in dieser Zeit noch hin mit sich selbst? Da ist eine Art von (Un)Ort, da stünde man gern draußen vor der Tür, weil mitmachen automatisch wie Verdummung erscheint: es ist das System, das zunehmend das Leben der meisten wird und uns alle stumpf macht und zu dummen Mitmachern. Das sehe ich nicht ein. Da lautet die einfache Form der Uneinverständniserklärung: das macht mal schoen ohne mich. Datensammeln, Kunden verarschen, Kundenkarten beschreiben, konsumieren und bestellen, das Geld anlegen, Rabatte und Prämien einlösen, Gutscheine erhalten, sich irgendwelche Werbenarrative wie Bären aufbinden lassen (früher, als es noch den “Glauben“ gab, konnte man die Leute mit der Hölle und dem Himmel und dem Seelenheil und wundertätigen Reliquien und dem Ablass und den Fürbitten und der Erlösung durch Arbeit und dergleichen vollabern, heute labert man sie voll mit Big Data und Konsum und das Seelenheil, das im Erwerb und in der Affluenz begründet liegt, heutzutage erklärt man das Geld und den Profit zur neuen ultraeffizienten Religion, heutzutage erklären PR-Berater und Lobbyisten den Kindern schon in der Schule die Welt, wie PR-Berater und Lobbyisten sie gern hätten und wer hier nicht glaubt und sein effizientes Seelenheil erarbeitet und im e-commerce verprasst, der verdient nichts und wird somit aus eigener Schuld zum ausgestoßenen der Marktreligion und…)…huch, ich wollte doch übers Schreiben schreiben.   

Aber manchmal lässt man das Schreiben einfach los, das ist das Parlando des Herzens oder des Geistes, je nachdem, was von beiden gerade bewegt ist, so will es scheinen. Da dringen dann schon die Themen ungefiltert durch, das ordnet, das reinigt, das macht den Kopf frei (macht das Herz frei). Hatte ich andernorts von der Elendherzigkeit geschrieben (antiquiertes Feld) so könnte man sich doch auch der Barmherzigkeit widmen in diesen kalten effizienten Zeiten, da solch ein Wort wie ein schwarzer Sperrbalken im Welt(kon)text steht. BARMHERZIGKEIT?! Da fragen sich die lobbyistenunterrichteten Kinder in der Schule vielleicht schon, ob sowas ansteckend ist oder weh tut. Statt Fragen nach sozialer Gerechtigkeit und Verteilungsgerechtigkeit nachzugehen, geraten wir in eine Gesellschaft der Korrektivpolitik. In diesem Korrektivethos wird die Rückkehr der Kontrolle durch die Hintertür der Sicherheit gefeiert und ich mag zumindest heute einmal wirklich nicht vertieft über sogenannte Nachrichtendienste schreiben. Die Rückkehr der Kontrolle und der Verordnung gegen die bürgerliche Freiheit durch die Hintertür der Sicherheit zeigt sich an einem beängstigenden Exempel der Bevormundung des Bürgers durch die ihm (vermeintlich) freundselig gesonnene Institution. Nehmen wir als Exempel den Kölner Verkehrsverband KVB, der seit dem 1.10.2013 das Alkoholtrinken in seinen Bahnen und an den Haltestellen streng verbietet und Missachtung dieses Verbotes durch Geldbußen sanktioniert:   

http://www.kvb-koeln.de/german/kampagnen/alkoholkonsumverbot.html  

…und das als Errungenschaft der Sittsamkeit im Sinne des Mitbürgers feiert. Doch diese Mitbürger sind eher über eine solche restriktive Politik des Eingreifens in das Bürgerrecht “Fahrbier trinken auf zB dem Weg zur Party oder das Grundrecht “Fahrbier trinken auf zB dem Weg zur oder den Weg heim von der Agentur für Arbeit“  irritiert. Das schreibt hier jetzt übrigens nachweislich kein Lobbyist der Apokryphen Alkoholiker, sondern ein vehementer Nichtraucher, der sich dennoch über die Ausweitung von Nichtraucherflächen zu Kampfzonen spießbürgerlicher Nüchternheit erregt.

Nun, auf besagter KVB-Seite heißt es:

———————–

Ausweitung des Ess- und Trinkverbotes

Das Ess- und Trinkverbot wurde 2007 eingeführt und zeigt hohe Akzeptanz und gute Erfolge. Trotzdem gibt es Lücken, die eine Ausweitung des Verbotes notwendig machen. 

Ab 01.09.2013 gilt: 

Kein Alkoholkonsum bei der Nutzung von Bus & Bahn. In einer Vorwarnphase von 4 Wochen werden alle Fahrgäste über das Alkoholkonsumverbot informiert und aufgefordert, den Konsum zu unterlassen.

—————————-

Das ist immer das Problem, wenn die gutgemeinte Tugend den autoritären Verbotsstaat reinstalliert. Demnächst uebrigens sollen straffälligen Bürgern, die durch Freiheitsentzug nicht zu disziplinieren sind, ein generelles Autofahrverbot erteilt werden (warum eigentlich muss man in der modernen Zeit hinter jede mitgeteilte Info aus den Nachrichtenagenturen ein “Kein Scherz!“ hinzufügen? Vielleicht, weil das Zeitgeschehen immer unfreiwillig komischer wird?). Der strafende Staat/die strafende Institution ist zurück und wie schön, dass er in Dauerüberwachung eines jeden sein schlafloses Auge auf uns alle gerichtet hat, damit wir nicht durch in der Stadtbahn rauchende Alkoholiker oder merkwürdig aussehende Kopftuchträgerinnen (ach, das kommt erst noch?! Entschuldigung, ich dachte, das wäre bereits…) irritiert durch den Frühverkehr gondeln müssen.

Aber ich schweife ab, dass es keine Freude ist. Über das Schreiben also schreiben: das machen doch nur Idioten. Als ein solcher kann man sich aber problemlos labeln, wenn man ans bis aufs Minimum reduzierte Mitmachen in der Gesellschaft denkt. Aus Gründen. Manchmal ist mir tatsächlich danach, prophylaktische Mahnungen an die Institutionen zu schreiben, die etwas von mir wollen, vielleicht in folgendem Wortlaut:

“Ich bitte Sie mit Schreiben vom xyz, mir ab sofort unverzüglich keine Korrespondenzen mehr zuzustellen, in welchen ich aufgefordert werde, Auskuenfte ueber mein Leben und alles mit meinem Leben Zusammenhaengende darzubringen. Imgleichen fordere ich Sie hiermit auf, mich zu nichts mehr aufzufordern, mir keine Rechnungen mehr zu schreiben, mir keine Fristen zu setzen, mich nicht zu staats- oder institutionspartizipatorischen Akten anzustiften, mich nicht sehr zu ehren und mich desgleichen auch nicht mehr nach bürokratisch düster-drohendem Wortlaut zuvor, danach jedoch freundlich zum Abschied zu grüßen, kurz: mich also fürderhin ganz und gar in meiner hart umkämpften Ruhe zu lassen, andernfalls ich mich gezwungen sehe, Blogeinträge wie diesen zu schreiben, woraus zwar für Sie nichts folgt, mir aber ganze Lebtage ruiniert werden, da ich mich mit Ihren stumpfsinnigen Anschreiben auseinandersetzen muss in einer Art und Weise, die mein Schreiben fragmentiert und dem Anlass nicht angemessen erscheinen will.

Schmerzlichst Ihr Paul Duroy…“ (und natuerlich und soweiter) 

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Nach alledem weiß nun in nächtlicher Rumination, aus der nun zumindest dieses eine bedenkenschwere Fremdwort folgen muss, nicht einmal mehr der ausgerufene Autor dieser schweren Zeilen, worum es ihm eigentlich zu tun war. Und da Literatur, wenn wir sie nun doch einmal so nennen wollen, schonungslos ehrlich sein muss (kein Scherz!), gestehe ich mir off-topic gern ein, dass man heutzutage kaum noch über die Trauer und den Tod und die Barmherzigkeit schreibt (eine Aufgabe für die Tage, die einen dafür neigen). Ein jedes dieser Worte schauriger als das andere in den blockierten Ohren (und noch vielmehr blockierten Köpfen) derer, die mit Ohrenstöpseln freudlos ohne Fahrbier kauflustig in der Kölner Stadtbahn sitzen und über ihre Smartphones wischen, dabei in einer ganz anderen Welt stecken, als der, den der Text hier als “ den Autor“ verortet und denen das Mitmachen in Fleisch und Blut uebergegangen ist, bevor dann Fleisch und Blut demnaechst Datenströme werden. Aber das ist etwas ganz anderes, über das ich schreiben wollte und eigentlich auch schon geschrieben habe. 

…nächstens mehr…

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