Das Labergelübde—die Gegenwart im Voraus


“Wo ist denn jetzt mein SCHEIß Plato, Mann?!“…schrie ich vorhin hysterisch-laut, nachdem ich zuvor noch euphorisch und aus Schreibvorfreude irgendwie synästhetisch vermengt, Radioheads “Karma Police“ lautstark mitgesungen hatte (“Phew, for a minute now, I lost myself“) in meiner Wohnung, die bei den Nachbarn Junggesellen-Mitleid erzeugt, da ich auf der Suche nach Platons Symposion war, um eben folgende Zeilen nun zitieren zu können. Jetzt aber!

“Hernach aber kam mir, ich weiß nicht woher, der seltsamste Verdacht, daß wohl alles nicht wahr wäre, was wir zusammen ausgefunden hatten. Und sehr verdrießlich sagte ich: ‚Oh weh, Lysis und Menexenos! Wir werden wohl nur im Traum den Schatz geborgen haben.‘ – ‚Was ist wieder?‘, fragte Menexenos.“

Was ist wieder, Paul Duroy? Erstmal ist wieder, dass ich aus der Schreibkrise rauskommen und dafür die größtmögliche Zahl erwartungsfroher bis aufgeriebener Leser als Geiseln nehmen muss. Zweitens ist wieder mein ewiges Problem Synapsenfeuer im Facettenhirn: zuviel Welt von allen Kanälen, selbst schuld, lieber Autor. Das kommt von zuviel Rezeption statt Produktion. Und trotzdem Schreibkrise? Und trotzdem Schreibkrise! Also raus da jetzt und zwar jetzt im Zweifel und der Verzweiflung aus der Not in die Welt geboren: mit der Brechstange.

Viel zu verwöhnt der Kerl: mit auf den Weg bekommen, das Schreibtalent-Äquivalent einiger Kleinstaaten dieser Erde (und die fehlende Bescheidenheit gleich dazu), aber dann bleibt alles im Schreiben unbeackerte Brache wie die argentinische Pampa in Patagonien und Feuerland und auch ähnlich attraktiv.

Einblick in die Schreibwerkstatt, einige spähen durchs spinnwebverhangene Schlüsselloch: ein Text über die Bewusstwerdung der Bedingungen der menschlichen Existenz im 21. Jahrhundert. These hier: es geht um die Existenz des Lebens auf dem Planeten an sich, nicht um irgendwelche digitalen Erlösungsphantasien der CEO’s aus dem Silicon Valley. Könnte spannend werden: Apres nous le délire! Die Bedingungen der Zukunft der eigenen Brut sabotieren: fliegt ihr alle mal schön in den Urlaub und lasst eure Kids dazu aktiv die Klimakompensation fürs CO2 selbst klicken bei der Flugbuchung, damit sie umweltbewusst wirken. Schick, wie ihr jetzt alle Grün wählt. Man erkennt das jetzt nicht alles so scharf durch ein verhangenes Schlüsselloch.

JUNGE!! Schreib den Text und höre auf, Appetizer zu setzen. Lies selbst nochmal deinen letzten Text, “Anlauf und Anschub“. Du verhältst dich sonst ewig zum eigenen Schreiben wie der sprichwörtliche Floh sich zum Pelzkragen. Ruf nach dem Autor…da soll was geschehen. Zwischendurch das kleine Kurze: vielleicht mal Poesie oder Aphorismus oder sonstige Ideen-Sparren.

Auch zum Schreiben braucht man Mut. Morgen und Mittage, in die man erwacht, als wäre man in der Nacht in Mut gebadet worden in Mut-Marinade. Dann kann man aufstehen und heftig schreiben, “krass“. Dann kann man aufstehen. Und sich selbst im Spiegel in die Augen sehen und sich zuflüstern: “I am NOT an Impostor!“. Gib mir was zu sehen, Welt, ich will es sehen und verstehen und beschreiben…schreiben. Ich kann es…jetzt lass es mich auch wollen.

Welche Rolle spielt das Schreibbuch dabei? Eine seltene…wie etwas in der Wohnung, das man so sehr vernachlässigt und vergisst im Hintergrund, dass es selbstverständlich wird in seiner Unbenutztheit und unsichtbar. Wie ein bis ins Unermessliche vergessenes Haustier…lass es nicht zum Ungeziefer werden. Kultiviere es…beschreibe es!

Werde eines mit den Nachtkreaturen oder allem, was hineinfliegt und kriecht des Nachts, wenn du das Küchenfenster offenlässt zum grünen Hof…wie ich da neulich nachts in die Küche trat im matten Licht der Lampe des Vormieters aus den 1950er-Jahren…in eine William S- Burroughs-Küche, die mit mir nicht viel zu tun haben schien. They own the Night. Eintagsfliegen vom nahen Rhein in dutzenden unter der Decke. Steinfliegen. Nachtfalter, Schwärmer, Motten…irgendwann in den Fängen und Lefzen meiner überforderten Katzen. Spinnen: Speispinnen, Wolfsspinnen, Harlekin-Hüpfspinnen…Weichkäfer, Soldatenkäfer, Junikäfer, an den rauhen Wänden emporkletternd. Ameisenstraßen wie die Via Formica. Silberfischchen doch auch, Fossil unter den Insekten….Nachtküchengeschöpf. Chlorfliegen, chlorgrün. Blattwespen, Ur-Insekten…eine Fledermaus. Wo ist das alles am Tag? Wer ist man selbst, wenn man all diese nachts beobachtet? Am Tage über die Nacht schreiben…

I dance with the creatures of the Night. Das sind alles so Phantasien, Gebilde, Rufe, Aufrufe. Irgendwo dazwischen taucht dann plötzlich der Wille auf wieder, zu schreiben…wie ein Phönix aus der Asche seines Ausgebranntseins in Schreibnächten zuvor. Das hat alles ganz schön gedauert. Aber halte die Euphorie jetzt runtergepegelt, sonst hat sie wieder Ikarus-Dimensionen…von “I’m flying high to the Sky“ hin zur notorischen Realitätsroutine der G-Konstante ist es erfahrungsgemäß ja ein kurzer harter Weg. Also lieber den Phönix genießen in seinem flammenden Gefieder, schwarzer Phönix, schreibende Kreatur, schöpfende Kreatur. Sich selbst in die Welt setzen statt Kinder (lass andere das tun), sich selbst jeden Tag neu…was für eine Aufgabe.

Also sich selbst ausschreiben. Nie bin ich aber eigentlich weniger “ich“ als beim Schreiben…oder gerade da? “Was ist wieder, Sokrates?“

Es ist wieder ein Aufbruch aus den eigenen Reihen der Routine und des Verharrens in der Seligkeit der Rezeption. Schreibbeißhemmung aufgehoben. “Schreib alles auf!“, das forderte schon Jean Paul von sich selbst vor Jahrhunderten und recht hatte er, dieser feinsinnige Fußgänger der Ideen, wenn er über die Erschöpfung des Literaten schreibt:

“Wenn ich sage, ich kann jetzt keinen Titan mehr schreiben: so ist nicht Mangel an Kraft, sondern weil ich einen geschrieben und folglich die Ideale des Herzens erschöpft habe.“

Mann, tust du dich schwer, Autor! Aber du bist so selten da, Wille, mein Pfeil für den Bogen, auf dem ich in meinem Warten die Saite “Geduld“ gespannt habe. Das Ziel ist klar vor Augen, der Bogen funktioniert, der Köcher der Inspiration steht bereit, aber wo bist du so oft, wenn nicht bei mir, Pfeil Wille?

Klar, wo andere ihren Bizeps anspannen und bestaunen und sich so ihrer Physis versichern, die sie in neoliberalen Exerzitien zu stählen meinen, spannt der Dichter hier und da seine poetische Inspiration an und überprüft sie auf Vitalität. Das kann so klingen im Moment wie dieses aus den Synapsen gesprossene Haiku, bei Amselgesang aus dem Holunder im Juniregen, beim Sirren der Mauersegler in der verwölkten Höhe über den Dächern:

Mit dem zerfetzten Regen sackt mein Willen zur Erde,

dabei staubtrockene Implosionen des getriebenen Willens,

der vor dem Ziele zu Boden sinkt und also nicht ankommt,

wie ein Brief ohne Adressaten.

Nicht zurück auch, wie ein solcher ohne Absender.

St. Hieronymus im Gehäus also. Ein Ein- und Aussiedler aus den Zusammenhängen. Kriegsberichterstattung von der Schreibfront zumindest DAS hier also jetzt. Anachoret mit Netflix-Account. Hätten das die Camaldulenser gewusst. Mein eigener Orden bin ich mir selbst, hingegeben der beschriebenen Vita Contemplativa. Bloß gilt gemäß meinem Metier das Labergelübde. (Mutig, ne? Leser darauf bringen, was sie vielleicht erwidern oder einem entgegenhalten können. Aber auch DAS soll den starken Autoren ausmachen. Mut-Marinade! Aber schreibt ihr erst einmal selbst!)

“Was ist wieder?“. Schreiben ist.

Nächstens mehr…

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