Anlauf und Anschub


“Meine Ziele, meine Ziele, sind auch mir Mysterien…“

Tocotronic, Auf dem leuchtenden Pfad der Dämmerung

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Es sei eine Regel aufgestellt, die lauten soll: je länger der Anlauf, umso kürzer der Sprung. Es ist ganz naturgemäß so: wenn ich zB einen weiten Satz ueber 6m anstrebe, wird mir ein gewisser Anlauf nützen. Renne ich aber in, sagen wir, Gelsenkirchen los, um in Magdeburg endlich zu springen, duerfen wir davon ausgehen, dass mir mein monumentaler Anlauf keinen weiten Sprung mehr gewähren wird.

Auch verhält es sich mit Verlass so: kündige ich eine Handlung an, dann wird mir die Ankündigung zum Totengräber der Tat. Da hilft das beste Besinnen nichts, keine Disziplin, keine Tugend: die Handlung wird nicht ausgeführt werden. Schuld daran ist, dass eine Ankündigung immer schon bedeutet: jemand verlangt etwas von mir, das auszuführen ich mich derzeit nicht imstande waehne. Um das Gewissen dessen, der aus welchem Grunde auch immer jedoch auf die Ausführung meiner Tat wartet, zu beruhigen, muss ich in Vorleistung gehen und da hilft gemeinhin die Ankündigung. Nun ist es jedoch auch so, dass sich unter misstrauischen Charakteren der Erwartung, die dem Ankündigenden nicht gern vertrauen, irgendwann der Typus Mensch herausgemendelt hat, der dem Ankündigenden das Versprechen abringt (dumm der Ankündigende, der sich darauf einlässt).

Das Versprechen ist ungefähr die Entsprechung zum Schuldentitel in der Geldwirtschaft: man schuldet demjenigen, dem man sein Versprechen gab, seine Einlösung. Es ist wie ein Wechsel auf eine Schuld: löst man das Versprechen nicht ein, hat man das Versprechen gebrochen. Wir hören hier ein sehr hartes deutsches Wort, das nicht gerade bescheiden zur Urteilsstärke und Härte aufruft: “Du hast dein Versprechen gebrochen.“, da kann man jemanden also, aus welchem Interesse auch immer, ein gutes Pfund vorwerfen, weil er eine bestimmte Tat, die zu vollbringen er doch versprochen hatte, nun nicht vollzogen hat. (Gar nicht so böse Zungen, die nicht notwendig misogyn schlagen müssen, behaupten uebrigens, dass das moderne Versprechen eine Erfindung der Frau ist, eine Art vorgeschossene Bekundung zur Beruhigung der immer am Rande der Hysterie stehenden weiblichen Ungeduld. Das zu behaupten sei zwar jedem zugestanden, aber…(ergänzen und befinden Sie selbst nach Belieben und Erfahrungsstand).

Mancher ist dann jedenfalls selbst schuld an der Misere des Drucks, die von einem Versprechen ausgeht: wer staendig verspricht, muss sich nicht wundern, dass er mit Verlass an der Realisierung scheitern wird. Wer sicher um sein Aufschubproblem weiß, sollte jegliches Versprechen weitraeumig umfahren. Mancher also, sage ich, durchläuft auf dem Anlauf zum Sprung einen Leidensweg, den er sich durch Dritte hat aufbedingen lassen. Der Bedingte nimmt raumgreifenden Anlauf in eine Richtung, in die er nicht will, für einen Sprung, den er nie vollziehen wollte. In Abwandlung einer bekannten Redensart ließe sich formulieren: “Versprechen lohnt sich nicht“. Überhaupt ist es ja so, dass der Anlauf immer schon die Verzögerung einer angedachten Aktion darstellt. Es herrscht höchste Bereitschaft, die angedachte Aktion auszufuehren und oft wird sogar dieser Anlauf mit viel Tamtam wie eine große Parade aufgeführt und ausgerufen, nur: daraus folgt dann nichts. Der Sprung bleibt aus. Der perfekt inszenierte lange Anlauf ist das irre Präludium zum ausbleibenden Sprung. Es geht eine Faszination aus von der Performanz der Verweigerung und Resignation. Das Ausbleiben des Handelns als vorerst stumm zum Ausdruck gebrachte Botschaft einer diametral gegenläufigen Überzeugung.

Zum souveränen und autonomen Aufschub dagegen gehört die comfort zone, in die man sich mit dem Aufschub begibt und in der man es sich häuslich in seiner enormen Seelenruhe einrichtet. Diese kontemplative comfort zone wird als alltagsresistentes Refugium ausgemacht, eine Zone der Nichttätigkeit, ein Labor der Leistungsverweigerung, ein ästhetischer Uterus, aus dem heraus die Nacht ihre tollen Taten gebiert. Die dialektisch schöne Wendung besteht darin, dass dem genialen Geist die Verweigerung einer Performanz (zB eine Erledigung zu tätigen, einer Verpflichtung nachzukommen, etc) letztlich zur Performanz der Verweigerung mutiert…aus diesem ästhetischen Freiraum wird dem, der versteht, die Kunst und die tiefe Erkenntnis geboren… Wenn nun der Anlauf zum eigentlichen Weg der Existenz wird, winkt aus dieser Richtung das Spirituelle, das ein kreativer Motor zur radikalen Lebenskunst und zum Statement wandeln wird. Der Zweifel an der Sinnträchtigkeit einer Handlungsperformanz wird umgewandelt in die Staerke der zweifelnden Besinnung und der bekennenden und bejahenden Resignation vor der Realisation. In der Möglichkeit der Auslassung steckt die unausgesetzte Freiheit.

Der Mensch, der in seinem Zaudern und Verharren seinen Weg darüberhinaus in majestätischer Langsamkeit und im souverän verzögerten Gleichmaß schreitet, wird bemerken, welche Bedeutungsaufladung Handlungen durch Langsamkeit erhalten. Es verhält sich hier wie in der Sportübertragung, in welcher noch das Wegwischen eines Schweisstropfens durch den Sportler in der 50-fachen Verlangsamung wie eine göttliche Geste wirkt. Die kultivierte Langsamkeit kehrt das Leben in die Besinnung zurueck. Wenn man den Verlauf noch der kleinsten Verrichtung in Langsamkeit so staucht, dass dabei die Langsamkeit selbst als Medium wahrgenommen wird, gelangt man zu einer Tiefe der Erkenntnis, die anders nie möglich waere.

Mein Leben bekommt exakt das Maß an aktiv-betriebsamen Anschein, das vorzuspiegeln ich mir gönne, wenn ich mich zB an einem, sagen wir: Dienstag, nach dem Aufstehen und dem Fruehstueck mit einem lauten dezisiven “Soooo…!“ mit einem Kaffee in mein Lesesofa setze und derart den Kontrast auf mich wirken lasse, dass eine ostentativ zum Handeln agitierende und es begleitende Gewohnheitsbekundung wie das “Soooo…!“ eine meditative Entspannungszeit eröffnet. Die simulative Attitüde der Betriebsamkeit ersetzt die eigentliche Tat. Aus diesem: “Auf die Plätze…fertig…stop!“ erwächst ein Lebensglück oder zumindest eine Intensität, die ich nicht missen möchte.

Das starke Moment am Aufschub ist, dass manche Aktivitäten sich durch die Nichtausführung ganz wie von selbst erledigen oder von anderen vollzogen werden. Das ist sicher kein bewusstes Delegieren dessen, was man zu tun hat, eher ein wie eine Schicksalsmacht wirkender schöner und unbewusster Hang zum Überlassen und Stehenlassen. Andere machen ohnehin oft mehr und vielleicht gar Besseres aus dem, was man hat stehenlassen.

Es ist wie mit diesem Text: vielleicht machen die Leser mehr aus ihm als sein Autor…es braucht die Eremiten der Verweigerung unbedingt. Die Mitmach-Monster und Netzwerk-“Freunde“ sind schon Legion und es werden, so zumindest vermitteln es uns soziale Netzwerke, taeglich mehr. Es ist wichtig, um die Leistungsverweigerer und Minderleister, die Aufschieber und Anlaufnehmer, Sprungverweigerer und Eskapisten, Nicht-Freunde und Meldedoofen zu wissen…diese kompensativen Kräfte, die an einem Ende wieder aufspulen, was am anderen geknüpft wird, sind wichtig, damit unsere Gesellschaft nicht zur absolut faktisch-totalisiert-effizienten Oberflaeche digital vernetzer und dauerleistungsbereiter Ressourcen-“Individuen“ verkommt. (Die Herrschaft der absolut rationalisierten Vernunft begünstigt eine implizite Religion der reinen Faktizität. Alles wird sonst nur absolute und berechenbare Oberfläche. Dazu beim naechsten Mal jedoch mehr).

So sei noch hinzugefügt, dass jedem Anlauf zum Sprung selbstverstaendlich eine kilometerlange Ankündigungswelle voraus geht, die auch der Erstehung dieses Textes eine blumige Zierleiste voranstellt. So warten einige meiner Freunde schon seit Wochen auf diesen Text, den ich ihnen sogar schon vor Monaten angekuendigt habe, unter exakt diesem Titel, der vom Anlauf spricht, wo er doch nur den Aufschub meint…dass besagten Freunden darüber mit hoher Wahrscheinlichkeit die monumentale Vorfreude implodiert sein mag, kann ich nur vermuten. Dass dieser Text sie am Ende nicht gänzlich enttäuschen mag, nur hoffen. Soviel Anlauf und Auschub also, aber ob ich aber nun gesprungen bin? Darüber, siehe weiter oben, mögen Sie als Leser gefälligst selbst befinden, vollenden Sie, machen Sie mehr draus, verfahren Sie nach Gutdünken, das hier ist eine Denkaufforderung, ein Aufschub, keine Bewältigung.

…und natürlich nächstens mehr…

Ein Gedanke zu “Anlauf und Anschub

  1. Du hast es tatsächlich geschafft, lieber Paul, meine anfänglich Skepsis einzufangen, die mit dem Gedanken begann, dass ich zwar Zeit meines Lebens an Prokrastination leide, auch die hemmende Wirkung einer Ankündigung/eines Versprechens kenne, aber mit zunehmendem Alter eine innere Folgsamkeit entwickelt habe, die mir leichter macht, alles in Griff zu bekommen. Indem mir in den letzten Jahren die eigene Endlichkeit bewusst gemacht wurde, strebe ich jetzt danach noch etwas zu schaffen, obwohl niemand mir noch etwas abverlangt. Diese Befreiung von äußeren Zwängen macht alles einfacher.
    Zurück zu deinem Text und der Wendung, die er im Schluss nimmt, und zwar mit diesem Satz:
    „(…) die Leistungsverweigerer und Minderleister, die Aufschieber und Anlaufnehmer, Sprungverweigerer und Eskapisten, Nicht-Freunde und Meldedoofen zu wissen…diese kompensativen Kräfte, die an einem Ende wieder aufspulen, was am anderen geknüpft wird, sind wichtig, damit unsere Gesellschaft nicht zur absolut faktisch-totalisiert-effizienten Oberflaeche digital vernetzer und dauerleistungsbereiter Ressourcen-“Individuen“ verkommt.“ Hat mir gut gefallen, vielen Dank!

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