Der Mann mit der SMS-Flat oder: einleitende Betrachtungen zur Discount-Kommunikation und ähnlichen Formen der Meldedummheit I


“Nun leben Sie wohl, wenn anders Sie überhaupt noch leben.“

Aus der Schlussformel eines mahnenden Briefes von Christian Fürchtegott Gellert (1715-1769) an einen meldedummen Freund

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In schillernderen Tagen meines alten Blogs habe ich einige Epopöen auf die Meldedummheit geschrieben, an denen ich im Jahre 2016 doch ordentlich zweifeln muss. Verstehen Sie mich recht, nicht an den Texten will ich zweifeln, aber doch an der Lobenswürdigkeit der Meldedummheit, an der ich ja zugegebenermaßen immer noch selbst aktiv leide. Wissen Sie überhaupt, wovon ich schreibe, wenn ich von der ‚Meldedummheit“ schreibe, lieber Leser?

 

 

Es ist ein bekanntes Phänomen, dass man sich an jemanden wendet auf dem schriftlichen Wege und es kommt keine Antwort oder eine Antwort erfolgt zwar, diese aber so arg zeitversetzt, dass der Antwortende in seiner Mail/Brief fast seine halbe Vita rekapitulieren muss, um den Schreibenden auf den neuesten Stand seines Lebens zu bringen, wo es doch ursprünglich nur eine ganz simple Frage zu beantworten gab. Noch komischer, im buchstäblichen Sinne des Wortes “komisch“, ist dabei die Variante, dass jemand zunächst initiativ! schreibt, daraufhin eine Antwortmail vom Angeschriebenen erhält, selbst dann aber ins Schweigen verfällt.

Possierliche Variationen ergeben sich in den Rechtfertigungsantworten der Meldedummen zwischen euphorischen “Ab jetzt wird alles anders und ich melde mich wieder regelmäßig“-Pasticcios bis hin zum “Sorry“-ismus, einer Inflation von “Sorry, ich hatte viel zu tun.“-Mails, die den Empfänger derselben immer irgendwo im weiten Orbit zwischen Irrelevanz und dem Selbstvorwurf der vermeintlichen eigenen Beschäftigungslosigkeit (da man selbst ja anscheinend genug Zeit findet, dem anderen zu schreiben) schweben lassen.

Im idealen Fall, so damals meine Zwischenbetrachtung in Hinblick auf das Phänomen “Meldedummheit“, erinnert eine solche Korrespondenz an ein Korrespondenz-Tennis: es geht immer ganz gut hin und her, landet der “Meldeball“ in meinem Feld, returniere ich den Ball wieder ins Feld des Mit-Korrespondenten zurück, der ihn wieder in mein Feld returniert, etc.

Um nur noch für einen kurzen Moment in diesem Bild zu bleiben und zum Thema des heutigen Eintrages zu kommen: mir erscheint es nun so, als wäre ich in Sachen Melde-Tennis in der letzten Zeit einer dieser Spieler, die Aufschläge über das Netz hämmern, die nicht returniert werden (können?). Ich schlage also immerfort Melde-Asse, denen keine Antwort folgt. Nun mag diese Eröffnung ins Thema subjektiv erscheinen und mancher Leser sich denken: “Was schreibt der schräge Typ wohl auch für Mails/Nachrichten?“.

Dann aber wiederum, wo ich ausgesuchte Freunde und Bekannte imgleichen über dieses Phänomen klagen höre, möchte ich das Ganze lieber doch im ersten Teil meiner Auslassungen zum Thema ins Staatstragende wenden: kann es sein, dass die digital zerrüttete Gegenwart und die allgemein zu beobachtende “What’s-Appisierung“ der Fernkommunikation die klassische Korrespondenz zerschossen hat?

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Nun begleitet das Phänomen der Meldedummheit die Menschheit seit man miteinander fernkommuniziert. Von einer gewissen Grundzähigkeit im Angang der Kommunikation zeugen Myriaden von Briefwechseln von sowohl berühmten Persönlichkeiten als auch “everyday people“, in welchen sich immer wieder derselbe Topos der Schreib- und Mitteilungshemmung an den anderen deutlich macht. Es gibt ehrliche Erklärungen, es gibt Vertröstungen, Lügen, durchschaubare Entschuldigungsmanöver und den zutiefst empfundenen Ausdruck über die Verwunderung in Bezug auf die eigene Meldesperrigkeit: “Warum ich mich nicht meldete, verstehe ich ja selbst kaum gut genug, als dass ich es dir erklären könnte.“ Das haben die schreibenden Krieger in den Feldpostbriefen zB aus dem Ersten Weltkrieg dem gewöhnlichen Meldefaulen allerdings voraus: sie können auf den Schützengrabeneinsatz als nicht gerade vernachlässigteren Hinderungsgrund in Bezug auf das Schreiben verweisen.

 Aber dennoch werde ich den Verdacht nicht los, dass die klassische, wie ich sie verstehe, zusammenhängende und vertiefende Korrespondenz zwischen zweien auf der roten Liste der aussterbenden Kommunikationsarten steht und ich meine als Grund dafür den Whatsapp-Wahn der Mitmenschen ausgemacht zu haben. Ich sehe es ja bei den Menschen meiner Umgebung, wie sie allein noch Aufmerksamkeit ihren im Minutentakt eintreffenden belanglosen Meldungen schenken. Dagegen waren ja SMSen noch Romane. Tatsächlich allerdings gibt es noch einige wenige Menschen, die um der Nettigkeit willen mit mir via SMS kommunizieren, da ich als Konsequenz, dass ich nicht bei Facebook bin, naturgemäß auch bei Whatsapp vergeblich gesucht werde und man kommt sonst schlecht an mich heran, wenn man es denn überhaupt möchte. Diese “Nettigkeit“ bekommt man dann aber schnell zu spüren,wenn man nach einer Pflichtantwort des Gegenübers in aller Lakonik sich dann flugs wieder auf sich selbst zurückgeworfen findet. Mögliche Nachfragen werden dann schon relativ genervt beantwortet oder mit einer Gegenfrage: “Sag mal, wann schaffst du dir denn jetzt auch endlich einmal WhatsApp an?“
Es ist schon ganz klar: eine SMS-Flat ist in diesen Zeiten ungefähr so attraktiv wie Fernschach auf Postkarten.

Und so klingt die Frage der letzten Zeit an mich selbst: sind eigentlich “deine“ Leute jetzt alle “bei“ WhatsApp? All die Leute, die sonst immer so beredt waren und sich ausführlich mitteilten und mit denen man, wenn auch ins Digitale transformiert, eine Korrespondenz führte, die diesen Namen auch tragen durfte: sind die jetzt alle da oder wo sind sie, da sie sich ja nicht melden? Da man in der Zwischenzeit als Person ja nun vermutlich nicht merklich abscheulicher geworden ist, als man es zuvor vielleicht schon war, liegt der Verdacht nahe, dass viele Zeitgenossen die klassische, Zeit in Anspruch nehmende Korrespondenz mittlerweile viel zu anstrengend finden und durch den Zeitgeist inzwischen diametral anders ausgerichtet worden sind.

Die Logik der WhatsApp-Message ist die einer Discount-Kommunikation um der permanenten Kommunikation willen, die Chat-Logik hat dabei die Bereitschaft zur nachhaltigen Kommunikation, die eben die klassische Korrespondenz darstellt(e), völlig zerschossen. Dieselben Leute, die sich zB bei mir darüber beschweren, dass sie teure SMSen verschicken müssen, um mit mir zu kommunizieren, schicken mir dann aber auf eine Frage, wo man denn zB sich treffen möchte, diese sechs SMSen innerhalb von 20 Sekunden:

1. Café Lichtblick

2. Ist Arnoldistraße 2

3. Am besten U-Bahn XY

4. Bin um 17.10 Uhr da

5. Hab Bucht dabei.

6. Buch

Die gesamte Info hätte man gemütlich in eine SMS packen und sich Kosten sparen können, ich hätte auch einige Minuten auf die Infos gewartet, kein Ding. Aber die Chat-Logik, die die Kommunizierenden dazu zwingt, möglichst in Echtzeit Informationen zu äußern, ist zu einem irrwitzig-hysterischen Reflex geworden. Das Ganze hat etwas von respektloser Zombie-Kommunikation, der man offensichtlich anmerkt, dass sie in alle Richtungen und mit konstant wechselnden Gesprächspartnern beliebig austausch- und hinrotzbar ist.

Meine Theorie: je mobiler Kommunikation wird, umso flüchtiger wird sie imgleichen, man könnte auch von einer liquiden Kommunikation sprechen (oder gleich einer Liquidation der Korrespondenz?). Man schafft über die Beschleunigung der Mitteilung ein Abschleifen des gesellschaftlichen bindenden Aspektes derselben. Relevanz kommt der Kommunikation als fortlaufendem Flow in Echtzeit zu, da diese äußerst novophil wirkt, d.h. kurzzeitig Endorphine freiwerden lässt. Das Glück des Handy-Piepsens wird inflationiert, es brummelt, sirrt und piepst und pfeift fortwährend aus dem “Smart“phone: “Es ist immer jemand da für Dich.“ wäre  daher eine entsprechende Phrase für dieses Glücksgefühl, dass sich die Masse der miteinander Kommunizierenden mittlerweile durch die Inflationierung der Mitteilsamkeit schafft.

Discount-Kommunikation bedeutet also auch eine spürbare Banalisierung des Inhaltes von Messages: während intellektueller Tiefgang bei dieser Form grundsätzlich vermieden bzw allein schon durch die Form unmöglich wird, werden banale Zusammenhänge durch das fortlaufende Kommunizieren darüber aufgewertet und derart in ihrer Relevanz grotesk verzerrt.Ersparen Sie es mir an dieser Stelle, lieber Leser, als Beweis u.a. die infantilen Petitessen-Dialoge zu zitieren, die ich mir bei Freunden schon anhören musste.

Eine solche Regression der Kommunikation bringt es dann bei den “Betroffenen“ konsequent mit sich, dass an die Konzentration, um überhaupt eine Korrespondenz mit jemandem aufzunehmen, nun gar nicht mehr zu denken ist. Wenn es dann einer mal doch versucht, wohl wiederum aus “Nettigkeit“, endet das in Mails, die ohne die Verwendung von “linking words“ oder sonstigen, diverse Sinnabschnitte verbindenden, Phrasierungen auskommen und lieber “durch“nummerieren, um daraufhin in Ziffernblöcken auf diverse Aspekte meiner Ausgangsmail zu antworten. Eine solche Form der Kommunikation trägt dann schon deutlich bürokratische Züge und erinnert daher nicht ohne Grund eher an ein Amtsschreiben als an eine Korrespondenz unter Freunden. Um mögliche Antwortfreudigkeit meinerseits von allem Anfang an auszublockieren, wird zusätzlich natürlich auf das Nachfragen bzw Fragestellen verzichtet. Bloß nicht wieder das Korrespondenzmonster wecken, dass einen aus der Meldedummheit reißen möchte! Kommunikative Stillosigkeit hat immer auch etwas von einem Krankheitsbild.

Nun mag mancher Zeitgenosse diese Abflachung der Kommunikation für normal und erstrebenswert halten und über eine weitere mitmenschliche Nachlässigkeit bloß milde lächeln. Darauf erwidere ich, dass ich zwar mit Meldedummheit (also der Unfähigkeit eines jemanden, sich bei einem anderen zu melden, obwohl man es gern würde) absolut leben kann, zumal man selbst daran leidet. Discount-Kommunikation dagegen führt über die Einsilbigkeit bei gleichzeitiger Inflationierung der Mitteilung hin zu einer Verflachung und Simplifikation des Denkens. Statt Tiefe und Durchdringung erwartet einen bei der Lektüre seichte, völlig dem Moment ergebene Hingeworfenheit, an die sich nicht weiter anknüpfen lässt. Wer solche Formen der Kommunikation wählt, kommt nicht mehr auf qualitative Sprünge in der Beziehung zwischen zweien, sondern neigt auf Dauer zum Flachwassertauchen im Niveau-Nichtschwimmerbecken.

Ich habe dann auch einfach keine Lust mehr auf Antwort-SMSen wie die eines (bislang noch recht) intelligenten guten Freundes auf meine Ursprungsnachricht, in der ich eine Botschaft ganz deutlich und verständlich in einer SMS mitgeteilt habe. Seine Antwort darauf in 3 SMSen (12 Sekunden-Takt)

1. Ok

2. Wie Mainz du das?

3. Meinst

Der nächste Teil dieser Betrachtungen wird sich einer Archäologie der Meldedummheit und der verflachenden Korrespondenz-Kompetenz widmen, also folgerichtig:

…nächstens mehr…

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