Das Labergelübde—die Gegenwart im Voraus

“Wo ist denn jetzt mein SCHEIß Plato, Mann?!“…schrie ich vorhin hysterisch-laut, nachdem ich zuvor noch euphorisch und aus Schreibvorfreude irgendwie synästhetisch vermengt, Radioheads “Karma Police“ lautstark mitgesungen hatte (“Phew, for a minute now, I lost myself“) in meiner Wohnung, die bei den Nachbarn Junggesellen-Mitleid erzeugt, da ich auf der Suche nach Platons Symposion war, um eben folgende Zeilen nun zitieren zu können. Jetzt aber!

“Hernach aber kam mir, ich weiß nicht woher, der seltsamste Verdacht, daß wohl alles nicht wahr wäre, was wir zusammen ausgefunden hatten. Und sehr verdrießlich sagte ich: ‚Oh weh, Lysis und Menexenos! Wir werden wohl nur im Traum den Schatz geborgen haben.‘ – ‚Was ist wieder?‘, fragte Menexenos.“

Was ist wieder, Paul Duroy? Erstmal ist wieder, dass ich aus der Schreibkrise rauskommen und dafür die größtmögliche Zahl erwartungsfroher bis aufgeriebener Leser als Geiseln nehmen muss. Zweitens ist wieder mein ewiges Problem Synapsenfeuer im Facettenhirn: zuviel Welt von allen Kanälen, selbst schuld, lieber Autor. Das kommt von zuviel Rezeption statt Produktion. Und trotzdem Schreibkrise? Und trotzdem Schreibkrise! Also raus da jetzt und zwar jetzt im Zweifel und der Verzweiflung aus der Not in die Welt geboren: mit der Brechstange.

Viel zu verwöhnt der Kerl: mit auf den Weg bekommen, das Schreibtalent-Äquivalent einiger Kleinstaaten dieser Erde (und die fehlende Bescheidenheit gleich dazu), aber dann bleibt alles im Schreiben unbeackerte Brache wie die argentinische Pampa in Patagonien und Feuerland und auch ähnlich attraktiv.

Einblick in die Schreibwerkstatt, einige spähen durchs spinnwebverhangene Schlüsselloch: ein Text über die Bewusstwerdung der Bedingungen der menschlichen Existenz im 21. Jahrhundert. These hier: es geht um die Existenz des Lebens auf dem Planeten an sich, nicht um irgendwelche digitalen Erlösungsphantasien der CEO’s aus dem Silicon Valley. Könnte spannend werden: Apres nous le délire! Die Bedingungen der Zukunft der eigenen Brut sabotieren: fliegt ihr alle mal schön in den Urlaub und lasst eure Kids dazu aktiv die Klimakompensation fürs CO2 selbst klicken bei der Flugbuchung, damit sie umweltbewusst wirken. Schick, wie ihr jetzt alle Grün wählt. Man erkennt das jetzt nicht alles so scharf durch ein verhangenes Schlüsselloch.

JUNGE!! Schreib den Text und höre auf, Appetizer zu setzen. Lies selbst nochmal deinen letzten Text, “Anlauf und Anschub“. Du verhältst dich sonst ewig zum eigenen Schreiben wie der sprichwörtliche Floh sich zum Pelzkragen. Ruf nach dem Autor…da soll was geschehen. Zwischendurch das kleine Kurze: vielleicht mal Poesie oder Aphorismus oder sonstige Ideen-Sparren.

Auch zum Schreiben braucht man Mut. Morgen und Mittage, in die man erwacht, als wäre man in der Nacht in Mut gebadet worden in Mut-Marinade. Dann kann man aufstehen und heftig schreiben, “krass“. Dann kann man aufstehen. Und sich selbst im Spiegel in die Augen sehen und sich zuflüstern: “I am NOT an Impostor!“. Gib mir was zu sehen, Welt, ich will es sehen und verstehen und beschreiben…schreiben. Ich kann es…jetzt lass es mich auch wollen.

Welche Rolle spielt das Schreibbuch dabei? Eine seltene…wie etwas in der Wohnung, das man so sehr vernachlässigt und vergisst im Hintergrund, dass es selbstverständlich wird in seiner Unbenutztheit und unsichtbar. Wie ein bis ins Unermessliche vergessenes Haustier…lass es nicht zum Ungeziefer werden. Kultiviere es…beschreibe es!

Werde eines mit den Nachtkreaturen oder allem, was hineinfliegt und kriecht des Nachts, wenn du das Küchenfenster offenlässt zum grünen Hof…wie ich da neulich nachts in die Küche trat im matten Licht der Lampe des Vormieters aus den 1950er-Jahren…in eine William S- Burroughs-Küche, die mit mir nicht viel zu tun haben schien. They own the Night. Eintagsfliegen vom nahen Rhein in dutzenden unter der Decke. Steinfliegen. Nachtfalter, Schwärmer, Motten…irgendwann in den Fängen und Lefzen meiner überforderten Katzen. Spinnen: Speispinnen, Wolfsspinnen, Harlekin-Hüpfspinnen…Weichkäfer, Soldatenkäfer, Junikäfer, an den rauhen Wänden emporkletternd. Ameisenstraßen wie die Via Formica. Silberfischchen doch auch, Fossil unter den Insekten….Nachtküchengeschöpf. Chlorfliegen, chlorgrün. Blattwespen, Ur-Insekten…eine Fledermaus. Wo ist das alles am Tag? Wer ist man selbst, wenn man all diese nachts beobachtet? Am Tage über die Nacht schreiben…

I dance with the creatures of the Night. Das sind alles so Phantasien, Gebilde, Rufe, Aufrufe. Irgendwo dazwischen taucht dann plötzlich der Wille auf wieder, zu schreiben…wie ein Phönix aus der Asche seines Ausgebranntseins in Schreibnächten zuvor. Das hat alles ganz schön gedauert. Aber halte die Euphorie jetzt runtergepegelt, sonst hat sie wieder Ikarus-Dimensionen…von “I’m flying high to the Sky“ hin zur notorischen Realitätsroutine der G-Konstante ist es erfahrungsgemäß ja ein kurzer harter Weg. Also lieber den Phönix genießen in seinem flammenden Gefieder, schwarzer Phönix, schreibende Kreatur, schöpfende Kreatur. Sich selbst in die Welt setzen statt Kinder (lass andere das tun), sich selbst jeden Tag neu…was für eine Aufgabe.

Also sich selbst ausschreiben. Nie bin ich aber eigentlich weniger “ich“ als beim Schreiben…oder gerade da? “Was ist wieder, Sokrates?“

Es ist wieder ein Aufbruch aus den eigenen Reihen der Routine und des Verharrens in der Seligkeit der Rezeption. Schreibbeißhemmung aufgehoben. “Schreib alles auf!“, das forderte schon Jean Paul von sich selbst vor Jahrhunderten und recht hatte er, dieser feinsinnige Fußgänger der Ideen, wenn er über die Erschöpfung des Literaten schreibt:

“Wenn ich sage, ich kann jetzt keinen Titan mehr schreiben: so ist nicht Mangel an Kraft, sondern weil ich einen geschrieben und folglich die Ideale des Herzens erschöpft habe.“

Mann, tust du dich schwer, Autor! Aber du bist so selten da, Wille, mein Pfeil für den Bogen, auf dem ich in meinem Warten die Saite “Geduld“ gespannt habe. Das Ziel ist klar vor Augen, der Bogen funktioniert, der Köcher der Inspiration steht bereit, aber wo bist du so oft, wenn nicht bei mir, Pfeil Wille?

Klar, wo andere ihren Bizeps anspannen und bestaunen und sich so ihrer Physis versichern, die sie in neoliberalen Exerzitien zu stählen meinen, spannt der Dichter hier und da seine poetische Inspiration an und überprüft sie auf Vitalität. Das kann so klingen im Moment wie dieses aus den Synapsen gesprossene Haiku, bei Amselgesang aus dem Holunder im Juniregen, beim Sirren der Mauersegler in der verwölkten Höhe über den Dächern:

Mit dem zerfetzten Regen sackt mein Willen zur Erde,

dabei staubtrockene Implosionen des getriebenen Willens,

der vor dem Ziele zu Boden sinkt und also nicht ankommt,

wie ein Brief ohne Adressaten.

Nicht zurück auch, wie ein solcher ohne Absender.

St. Hieronymus im Gehäus also. Ein Ein- und Aussiedler aus den Zusammenhängen. Kriegsberichterstattung von der Schreibfront zumindest DAS hier also jetzt. Anachoret mit Netflix-Account. Hätten das die Camaldulenser gewusst. Mein eigener Orden bin ich mir selbst, hingegeben der beschriebenen Vita Contemplativa. Bloß gilt gemäß meinem Metier das Labergelübde. (Mutig, ne? Leser darauf bringen, was sie vielleicht erwidern oder einem entgegenhalten können. Aber auch DAS soll den starken Autoren ausmachen. Mut-Marinade! Aber schreibt ihr erst einmal selbst!)

“Was ist wieder?“. Schreiben ist.

Nächstens mehr…

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Anlauf und Anschub

“Meine Ziele, meine Ziele, sind auch mir Mysterien…“

Tocotronic, Auf dem leuchtenden Pfad der Dämmerung

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Es sei eine Regel aufgestellt, die lauten soll: je länger der Anlauf, umso kürzer der Sprung. Es ist ganz naturgemäß so: wenn ich zB einen weiten Satz ueber 6m anstrebe, wird mir ein gewisser Anlauf nützen. Renne ich aber in, sagen wir, Gelsenkirchen los, um in Magdeburg endlich zu springen, duerfen wir davon ausgehen, dass mir mein monumentaler Anlauf keinen weiten Sprung mehr gewähren wird.

Auch verhält es sich mit Verlass so: kündige ich eine Handlung an, dann wird mir die Ankündigung zum Totengräber der Tat. Da hilft das beste Besinnen nichts, keine Disziplin, keine Tugend: die Handlung wird nicht ausgeführt werden. Schuld daran ist, dass eine Ankündigung immer schon bedeutet: jemand verlangt etwas von mir, das auszuführen ich mich derzeit nicht imstande waehne. Um das Gewissen dessen, der aus welchem Grunde auch immer jedoch auf die Ausführung meiner Tat wartet, zu beruhigen, muss ich in Vorleistung gehen und da hilft gemeinhin die Ankündigung. Nun ist es jedoch auch so, dass sich unter misstrauischen Charakteren der Erwartung, die dem Ankündigenden nicht gern vertrauen, irgendwann der Typus Mensch herausgemendelt hat, der dem Ankündigenden das Versprechen abringt (dumm der Ankündigende, der sich darauf einlässt).

Das Versprechen ist ungefähr die Entsprechung zum Schuldentitel in der Geldwirtschaft: man schuldet demjenigen, dem man sein Versprechen gab, seine Einlösung. Es ist wie ein Wechsel auf eine Schuld: löst man das Versprechen nicht ein, hat man das Versprechen gebrochen. Wir hören hier ein sehr hartes deutsches Wort, das nicht gerade bescheiden zur Urteilsstärke und Härte aufruft: “Du hast dein Versprechen gebrochen.“, da kann man jemanden also, aus welchem Interesse auch immer, ein gutes Pfund vorwerfen, weil er eine bestimmte Tat, die zu vollbringen er doch versprochen hatte, nun nicht vollzogen hat. (Gar nicht so böse Zungen, die nicht notwendig misogyn schlagen müssen, behaupten uebrigens, dass das moderne Versprechen eine Erfindung der Frau ist, eine Art vorgeschossene Bekundung zur Beruhigung der immer am Rande der Hysterie stehenden weiblichen Ungeduld. Das zu behaupten sei zwar jedem zugestanden, aber…(ergänzen und befinden Sie selbst nach Belieben und Erfahrungsstand).

Mancher ist dann jedenfalls selbst schuld an der Misere des Drucks, die von einem Versprechen ausgeht: wer staendig verspricht, muss sich nicht wundern, dass er mit Verlass an der Realisierung scheitern wird. Wer sicher um sein Aufschubproblem weiß, sollte jegliches Versprechen weitraeumig umfahren. Mancher also, sage ich, durchläuft auf dem Anlauf zum Sprung einen Leidensweg, den er sich durch Dritte hat aufbedingen lassen. Der Bedingte nimmt raumgreifenden Anlauf in eine Richtung, in die er nicht will, für einen Sprung, den er nie vollziehen wollte. In Abwandlung einer bekannten Redensart ließe sich formulieren: “Versprechen lohnt sich nicht“. Überhaupt ist es ja so, dass der Anlauf immer schon die Verzögerung einer angedachten Aktion darstellt. Es herrscht höchste Bereitschaft, die angedachte Aktion auszufuehren und oft wird sogar dieser Anlauf mit viel Tamtam wie eine große Parade aufgeführt und ausgerufen, nur: daraus folgt dann nichts. Der Sprung bleibt aus. Der perfekt inszenierte lange Anlauf ist das irre Präludium zum ausbleibenden Sprung. Es geht eine Faszination aus von der Performanz der Verweigerung und Resignation. Das Ausbleiben des Handelns als vorerst stumm zum Ausdruck gebrachte Botschaft einer diametral gegenläufigen Überzeugung.

Zum souveränen und autonomen Aufschub dagegen gehört die comfort zone, in die man sich mit dem Aufschub begibt und in der man es sich häuslich in seiner enormen Seelenruhe einrichtet. Diese kontemplative comfort zone wird als alltagsresistentes Refugium ausgemacht, eine Zone der Nichttätigkeit, ein Labor der Leistungsverweigerung, ein ästhetischer Uterus, aus dem heraus die Nacht ihre tollen Taten gebiert. Die dialektisch schöne Wendung besteht darin, dass dem genialen Geist die Verweigerung einer Performanz (zB eine Erledigung zu tätigen, einer Verpflichtung nachzukommen, etc) letztlich zur Performanz der Verweigerung mutiert…aus diesem ästhetischen Freiraum wird dem, der versteht, die Kunst und die tiefe Erkenntnis geboren… Wenn nun der Anlauf zum eigentlichen Weg der Existenz wird, winkt aus dieser Richtung das Spirituelle, das ein kreativer Motor zur radikalen Lebenskunst und zum Statement wandeln wird. Der Zweifel an der Sinnträchtigkeit einer Handlungsperformanz wird umgewandelt in die Staerke der zweifelnden Besinnung und der bekennenden und bejahenden Resignation vor der Realisation. In der Möglichkeit der Auslassung steckt die unausgesetzte Freiheit.

Der Mensch, der in seinem Zaudern und Verharren seinen Weg darüberhinaus in majestätischer Langsamkeit und im souverän verzögerten Gleichmaß schreitet, wird bemerken, welche Bedeutungsaufladung Handlungen durch Langsamkeit erhalten. Es verhält sich hier wie in der Sportübertragung, in welcher noch das Wegwischen eines Schweisstropfens durch den Sportler in der 50-fachen Verlangsamung wie eine göttliche Geste wirkt. Die kultivierte Langsamkeit kehrt das Leben in die Besinnung zurueck. Wenn man den Verlauf noch der kleinsten Verrichtung in Langsamkeit so staucht, dass dabei die Langsamkeit selbst als Medium wahrgenommen wird, gelangt man zu einer Tiefe der Erkenntnis, die anders nie möglich waere.

Mein Leben bekommt exakt das Maß an aktiv-betriebsamen Anschein, das vorzuspiegeln ich mir gönne, wenn ich mich zB an einem, sagen wir: Dienstag, nach dem Aufstehen und dem Fruehstueck mit einem lauten dezisiven “Soooo…!“ mit einem Kaffee in mein Lesesofa setze und derart den Kontrast auf mich wirken lasse, dass eine ostentativ zum Handeln agitierende und es begleitende Gewohnheitsbekundung wie das “Soooo…!“ eine meditative Entspannungszeit eröffnet. Die simulative Attitüde der Betriebsamkeit ersetzt die eigentliche Tat. Aus diesem: “Auf die Plätze…fertig…stop!“ erwächst ein Lebensglück oder zumindest eine Intensität, die ich nicht missen möchte.

Das starke Moment am Aufschub ist, dass manche Aktivitäten sich durch die Nichtausführung ganz wie von selbst erledigen oder von anderen vollzogen werden. Das ist sicher kein bewusstes Delegieren dessen, was man zu tun hat, eher ein wie eine Schicksalsmacht wirkender schöner und unbewusster Hang zum Überlassen und Stehenlassen. Andere machen ohnehin oft mehr und vielleicht gar Besseres aus dem, was man hat stehenlassen.

Es ist wie mit diesem Text: vielleicht machen die Leser mehr aus ihm als sein Autor…es braucht die Eremiten der Verweigerung unbedingt. Die Mitmach-Monster und Netzwerk-“Freunde“ sind schon Legion und es werden, so zumindest vermitteln es uns soziale Netzwerke, taeglich mehr. Es ist wichtig, um die Leistungsverweigerer und Minderleister, die Aufschieber und Anlaufnehmer, Sprungverweigerer und Eskapisten, Nicht-Freunde und Meldedoofen zu wissen…diese kompensativen Kräfte, die an einem Ende wieder aufspulen, was am anderen geknüpft wird, sind wichtig, damit unsere Gesellschaft nicht zur absolut faktisch-totalisiert-effizienten Oberflaeche digital vernetzer und dauerleistungsbereiter Ressourcen-“Individuen“ verkommt. (Die Herrschaft der absolut rationalisierten Vernunft begünstigt eine implizite Religion der reinen Faktizität. Alles wird sonst nur absolute und berechenbare Oberfläche. Dazu beim naechsten Mal jedoch mehr).

So sei noch hinzugefügt, dass jedem Anlauf zum Sprung selbstverstaendlich eine kilometerlange Ankündigungswelle voraus geht, die auch der Erstehung dieses Textes eine blumige Zierleiste voranstellt. So warten einige meiner Freunde schon seit Wochen auf diesen Text, den ich ihnen sogar schon vor Monaten angekuendigt habe, unter exakt diesem Titel, der vom Anlauf spricht, wo er doch nur den Aufschub meint…dass besagten Freunden darüber mit hoher Wahrscheinlichkeit die monumentale Vorfreude implodiert sein mag, kann ich nur vermuten. Dass dieser Text sie am Ende nicht gänzlich enttäuschen mag, nur hoffen. Soviel Anlauf und Auschub also, aber ob ich aber nun gesprungen bin? Darüber, siehe weiter oben, mögen Sie als Leser gefälligst selbst befinden, vollenden Sie, machen Sie mehr draus, verfahren Sie nach Gutdünken, das hier ist eine Denkaufforderung, ein Aufschub, keine Bewältigung.

…und natürlich nächstens mehr…

Das Leben ist kein Uterus

“Der Asket macht aus der Tugend eine Not.“

Friedrich Nietzsche, Menschliches-Allzumenschliches

Wenngleich ich für gewöhnlich die Titel zu meinen Texten selbst hervorbringe, so ist dem Titel des hier vorliegenden Textes vorauszuschicken, dass er quasi einem Graffito auf dem Weg in den Untergrund der Kölner KVB-Linie 3 am Severinstraße entstammt. Dort prangt seit ca. 2-3 Jahren ein an das altgriechische Alphabet erinnerndes Graffito mit der bloßen Aufschrift: “Das Leben ist kein Uterus“. Als Urheber des Grafittos zeichnet laut Signum ein oder eine “Pallas“ verantwortlich. Ihr könnt das Bild dazu auch googlen, Schlagwort “Das Leben ist kein Uterus Graffito Köln“, denn ich habe Angst, Urheberrechte zu verletzen und kenne mich nicht aus und will mich auch nicht auskennen, weil ich zu faul bin.

Ich möchte hier nur dem schönen und mich so inspirierenden Wort in dem Schablonengraffito endlich einmal unter diesem Eintrag die Reverenz erweisen, die es verdient. Denn seit nunmehr besagten 2-3 Jahren spuken mir unter diesem Titel die diversesten Ideen zu Blogbeiträgen im Kopf herum und angekündigter als dieser Eintrag in meinem Privatleben war wohl bislang nur der Prophet Jesaja von seinen Adepten. Ich will mir gar nicht ausrechnen, was Freunde, Fans und sonstige Leser sich in den letzten 2 Jahren so dachten, wenn ich ihnen mal wieder schrieb: “Ich vermute stark, dass “Das Leben ist kein Uterus“ noch in dieser Woche, spätestens aber Ende nächster Woche erscheint!“. Besagte liebe Leser kennen imgleichen meinen Spruch: “Er macht einen langen Anlauf zum kurzen Sprung!“…jetzt also muss gesprungen werden, damit mir nicht die letzte Kraft zum Sprung schon wieder über dem langen Lauf zur Sandgrube ausgeht, also: medias in res! Und “Pallas“?! Melde dich…was hast DU gemeint? Wegen deiner festlegungsschwachen Lakonie, die du in das Graffito gepackt hast, entsteht dieser Text. Selbst schuld.

Nun ist über alldem einleitenden Brimborium der geduldige Leser bereits erschöpfter als der Autor dieser Zeilen geworden. Sonst frage ich mich auch, ob man sich nicht gleich einfach hinlegen möge, den trägen Kopf auf ein Kissen betten und weiter den Schlaf der Ungerechten schlafen. Worüber wollte ich reden? Ich werde mir jedenfalls mit diesem Text keine Freunde machen, aber das bin ich gewohnt und dient sogar einem Zwecke.

Es ist nun mal so einfach, dann wollen wir es auch so mitteilen: eure Kinder werden es nicht mehr besser haben als ihr. Wir müssen aufhören mit unserer Verwöhnkultur! Das Ende dieses kolossalen Karnevals, der nun so seit ca. 30 Jahren anhält, kommt ja nun doch. Es umgibt uns kein atmosphärisch warmer Uterus, der uns in all dem Konsum und all der aufgesetzten Dauerbeglückung durch Kauf und Kinder frei hält von den brutalen Kollateralschäden unserer Dauerbeglückung. Die Kinder wissen es übrigens schon oder ahnen es zumindest, wenn sie zu der klügeren Sorte gehören, die noch nicht, ihren Eltern gleich, den lieben langen Tag lang nur am Smartphone verbringt. Solche klugen Kinder gründen dann oder schließen sich Bewegungen wie “Fridays for Future“ an, während deutsche Oberstudienräte und ahnungslose Politiker noch auf Erfüllung der Schulpflicht drängen oder den sogenannten Digitalpakt vorantreiben, als sei die durch Menschen vorangetriebene Entwicklung der digitalen Welt per se wie eine Naturgewalt auf keinen Fall mehr aufzuhalten, sondern ihr nur noch dadurch beizukommen, dass man ihr Tempo nicht nur aufnimmt, sondern sie auch noch per decretum beschleunigt. Ein ahnungsloses dummes Vorführspiel von intendierter Kontrollabgabe. Aber davon will ich hier nicht handeln.

Wir sind ohnehin schon zu viele. Ein Freund faselt die beglückungseuphorischen Aussagen einiger “Wissenschaftler“ nach, die Erde könne ohne Problem sogar 15 Milliarden Menschen ernähren und ist beim Erzählen selbst ganz beglückt darüber. Nun, mein Freund, diese Erde, die 15 Milliarden Menschen ernähren kann, weißt du auch, wie die aussehen wird? Weißt du auch, WIE die die Produkte erzeugen wird, die die 15 Milliarden Menschen dann fressen? Was das für ein Planet Erde sein wird? Klar, man kann sich einfach nicht dafür interessieren, was so mit der Umwelt geschieht und wie die Dinge produziert werden, die man sich dann so in die Mundöffnung schiebt und später wieder gleichgültig-beglückt ausscheidet aus den antipodischen Körperöffnungen und so sein ganzes Leben und dann weiter fressen und kongestieren und sich keine Gedanken machen und hoffen, das schon alles weiter so bleibt. Den Kindern kann man jetzt alles bieten.

Das größte Unglück einer bekannten Person, die nun an Ostern mit ihrem Sohn zusammen in die Osterferien reisen kann, lautet zB nun, dass sie nicht weiß, wohin fliegen mit ihm. Sie hat nur 5 Tage Zeit, aber es soll schon ein besonderer Urlaub für den Jungen sein. Und in Europa kann man ja einem Kind auf keinen Fall viel bieten, aber so ein Fernflug für 5 Tage lohnt ja auch kaum. Ich soll ein betroffenes Gesicht zu diesen luxus-larmoyanten Aussagen zur Schau stellen. Stattdessen erwähne ich, ob diese easy going-Einstellung zum Dauerfliegen und zur Selbstverständlichkeit des Fliegens nicht ein brutal schlechtes Vorbild für das Kind wäre und ob ich selbst zB nicht anteilig einen Preis dafür verdiene, dass ich als Nichtflieger das zukünftige Klima auch ihres Sohnes mitbewahre. Die Reaktion fällt aus. Als hätte ich nichts gesagt und nur Atemluft ausgehaucht, ist der nächste Satz, im vollen Ernst und weiter mit großer Besorgnis gesprochen: “Ich muss mal echt schauen, was ich da mache. Im Reisebüro bekommt man da ja auch unklare Auskünfte. Rom und Barcelona hat er keine Lust drauf, bei Asien könnte ich mir vorstellen, dass ihn das interessiert, aber da lohnt ja für die kurze Zeit der Anflug nicht. Aber wir wollen auch unbedingt fliegen, damit das Urlaubsgefühl aufkommt und er in der Schule und bei Freunden dann was zu erzählen hat.“

Willkommen also in der Welt, wie sie wird, liebe Kinder und wie eure “entitled parents“ sie euch so vermitteln. Dabei gilt und sollte ohnehin bald das gute alte Mephistopheles-Motto: “Drum besser wär’s, dass nichts entstünde.“ in Bezug auf die anthropologische Reproduktion gelten. Oder zumindest globale Umsetzung der Geburtenkontrolle und Ein-Kind-Politik. Flankiert vom dirigierten Zusammenbruch des Verwöhnkapitalismus und einem Kollaps der Konsumkultur. Diese scheitert an ihren eigenen Bedingungen. Das Entitlement ist einfach zu totalitär und durch die nunmehr auch globale Adaption des Powerkonsums durch die gerade in den einstmaligen “Entwicklungsländern“ explodierende Weltbevölkerung der Startschuss zum gar nicht mehr so langen Lauf hin zur post-konsum-diluvialen Apokalypse. Die Beschleunigung der propagierten Ansprüche, der Erfüllung der Ansprüche und die Ausmaß des Angebotes sowie der Möglichkeiten der Affluenz und der Affluenzerwartung sind in einem Ausmaß latent, dass der Kataklysmus der Verwöhnkultur (zumindest in erdgeschichtlicher Zeitrechnung) gedacht, nicht mehr allzu fern sein mag.

“Unseren Kindern soll es einmal besser gehen“ war ein Satz, den ich schon als Kind nicht verstanden habe. “Was haben die Erwachsenen mit meinem Glück oder Unglück zu schaffen?“ habe ich mir schon damals gedacht. Soll doch auf meinem eigenen Mist wachsen, ob es mir später besser geht oder nicht. Der Satz war mir schon als Kind DIE idealtypische Phrase von Ratlosigkeit der Älteren und Alterslarmoyanz. Und doch bedeutete dieser Nachkriegssatz, wenngleich in der Opa-Generation noch legitimiert vorgetragen, schon den Griff an den Öffnungshaken der Büchse der Pandora. Wenn wir als Kinder von den damals gerade aufkeimenden Supermärkten vom Wochenendeinkauf wiederkamen, ging Omis Gesülze vom “guten Speck“ und der “guten Butter“ einem nur tierisch auf die Nüsse, wenn man schon ganz andere Sachen zu verschlingen gewohnt war. Klar ging es einem besser…und jetzt Schnauze, Grandma! Wir wollen nichts mehr von eurem Graubrot auf dem Flüchtlingstreck und ausgemergelten Kinderkörpern in Straßengräben hören.

Wir waren schon zu Predatoren der Verwöhnkultur erzogen worden. Gierige Fressmäuler und Schlemmerland-Konsumenten, die ihre Omnophagie einmal weitervererben und ihrer Nachbrut nicht allein in die Gene legen, sondern auch wie selbstverständlich es ihnen in die noch unkritischen Kinderköpfe hineinpropagieren: “Ihr könnt alles haben. Wir werden euch alles ermöglichen. Wir haben wie die Maden im Speck gelebt. Nun also lebt ihr auch wie die Maden im Speck, sogar noch besser! Ihr sollt alle Möglichkeiten haben, nichts sei euch verwehrt. Mann, ist das ein geiles Leben.“

Und so lautet einer der most unsexy Begriffe, die man in die Debatte einführen kann, Verzicht! Das Leben ist kein Uterus. Keine Nabelschnur versorgt uns gleich einem mütterlichen Engel mit atmosphärisch reiner Luft, die NICHT unser pestilenten Atmosphäre entstammt. Kein artifizieller Uterus wärmt uns länger als die obligatorischen neun Ursprungsmonate, sondern allein der Klimawandel, den wir uns selbst geschaffen haben. Kein Uterus hält uns unverantwortlich für die Scheiße, die wir bauen, indem wir anhäufen, kaufen, bedenkenlos reisen und essen, bedenkenlos den Kindern Wünsche nicht nur erfüllen, sondern diese sinnlos generieren, indem wir auch sinnlos Kinder zeugen. Das Leben ist kein Uterus.

Dies könnte auch zum befreienden Spruch der endgültigen Emanzipation der Frauen von der ihnen doch als ach so selbstverständlich angedichteten Inklination zum Kinderkriegen geraten! DAS LEBEN IST KEIN UTERUS. Warum sollte sich die Frau nicht auch ohne Kinderwunsch verwirklichen können? Ein Großteil der geborenen Kinder kommt ohnehin in die Welt, wenn nicht als Koitus-Kollateralschaden, dann doch hocheuphemisiert zum Wunschkind, wo der Wunsch dann zwar nicht Vater des Kindes, so aber doch des Gedankens war, dass ein Kind so unbedingt wünschenswert wäre. “Wie siehts bei euch aus mit dem Kinderkriegen?“ ist ja Akkulturation pur statt primär weiblicher Inklination, die sich ja angeblich immer zum Kinderkriegen durchsetzt. Aber was weiß ich von diesen Dingen zu berichten? Ich blicke nur staunend in diese Parallelwelten, in denen Kinder geboren werden zu keinem anderen Zweck, als dass man auf seiner Abhakliste “Leben“ das nicht ganz folgenlose Kästlein “Kind bekommen“ grün anhaken und sich so irgendwie erwachsen oder komplett im Leben stehend präsentieren kann. Am Kind manifestiert sich dann das Erreichen all der hochgeschraubten Ziele und der Fortbestand “pursuit of happiness“-geladener Gen-Sätze. Das elterliche Ego, das im Kind als willfährigem Genom-Appendix die Zeitalter wider alle Erwartung irgendwie doch noch zu überdauern meint. Wo nehmen die Menschen nur ein solch monströses Ego her? Oh, edles Verlöschen des eigenen Gen-Pooles.

Verzichtet auf ein Kind. Oder wenn Kind, dann nur eines. Und sich immer fragen: “Warum genau wollen wir jetzt nochmal einen weiteren Verbraucher in diese Welt setzen?“. Trägt nur bei zur unmäßigen Gentrifikation der Erde. Adoptiert Kinder! Sucht euch alleinstehende Eltern als Partner, die schon Kinder haben. Zügelt eure intendierte Fortpflanzungsbereitschaft und hinterfragt sie…mehrfach! Sie ist egoistisch und zerstört eurem geplanten Nachwuchs nachhaltig exakt die schöne neue Welt, die ihr ihm zu bieten meint. Da kanns man doch auch gleich lassen. Wenn ich zur Behebung eines Problemes, den Problemauslöser fortwährend in den Lösungsansatz hineinbringe, sollte mir aufgehen, dass es der einfachste Weg sein wird, den Problemauslöser als schaffenden Faktor der Problemgenese zu erwägen.

Das Schöne am Verzicht auf ein (zumindest weiteres) Kind ist, dass das Kind, das nur Idee bleibt, die erwogen und dann wieder verworfen wurde (also das nie gezeugte, nie geborene “Kind“) von seiner Nicht-Verwirklichung nichts weiß und nie wissen wird. Dies nur in Richtung solcher Leser, die eventuell schon empört einen Aufruf zum Infantizid wittern. Hier sei nur von der Vermeidung unnötiger Konsumenten die Rede.

Verzichtet auf die Kindereuphorie. Predigt nicht länger das Evangelium der aufgesetzt “geilen“ Consumer-Laune. Erliegt nicht mehr der Propaganda, dass sich am Kind die wie unschuldig wirkende Notwendigkeit unserer Konsum-Ekstasen manifestieren muss. Der am radikalsten zu denkende ehrliche und natürlich ernste Schritt auf dem Weg in die souveräne Verzichtgesellschaft zum Erhalt der Lebenswelt bedeutet den freiwilligen Verzicht auf den Kinderwunsch und somit auf den Sieg des souveränen Willens gegen den ohnehin so perfiden Gen-Egoismus der Spezies. Wir müssen aufhören, besinnungslos “Nachkommen“ in eine Welt zu setzen, die zu vernichten wir gerade im Begriff sind, durch unsere Ansprüche und durch unsere Masse. Ob, wer sich dem Kinderwunsch entgegenstellt, auch das Menschenleben an sich in Frage stellt, ist eine andere Frage für einen anderen Tag.

…nächstens mehr…




Der Mann mit der SMS-Flat oder: einleitende Betrachtungen zur Discount-Kommunikation und ähnlichen Formen der Meldedummheit I

“Nun leben Sie wohl, wenn anders Sie überhaupt noch leben.“

Aus der Schlussformel eines mahnenden Briefes von Christian Fürchtegott Gellert (1715-1769) an einen meldedummen Freund

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In schillernderen Tagen meines alten Blogs habe ich einige Epopöen auf die Meldedummheit geschrieben, an denen ich im Jahre 2016 doch ordentlich zweifeln muss. Verstehen Sie mich recht, nicht an den Texten will ich zweifeln, aber doch an der Lobenswürdigkeit der Meldedummheit, an der ich ja zugegebenermaßen immer noch selbst aktiv leide. Wissen Sie überhaupt, wovon ich schreibe, wenn ich von der ‚Meldedummheit“ schreibe, lieber Leser?

 

 

Es ist ein bekanntes Phänomen, dass man sich an jemanden wendet auf dem schriftlichen Wege und es kommt keine Antwort oder eine Antwort erfolgt zwar, diese aber so arg zeitversetzt, dass der Antwortende in seiner Mail/Brief fast seine halbe Vita rekapitulieren muss, um den Schreibenden auf den neuesten Stand seines Lebens zu bringen, wo es doch ursprünglich nur eine ganz simple Frage zu beantworten gab. Noch komischer, im buchstäblichen Sinne des Wortes “komisch“, ist dabei die Variante, dass jemand zunächst initiativ! schreibt, daraufhin eine Antwortmail vom Angeschriebenen erhält, selbst dann aber ins Schweigen verfällt.

Possierliche Variationen ergeben sich in den Rechtfertigungsantworten der Meldedummen zwischen euphorischen “Ab jetzt wird alles anders und ich melde mich wieder regelmäßig“-Pasticcios bis hin zum “Sorry“-ismus, einer Inflation von “Sorry, ich hatte viel zu tun.“-Mails, die den Empfänger derselben immer irgendwo im weiten Orbit zwischen Irrelevanz und dem Selbstvorwurf der vermeintlichen eigenen Beschäftigungslosigkeit (da man selbst ja anscheinend genug Zeit findet, dem anderen zu schreiben) schweben lassen.

Im idealen Fall, so damals meine Zwischenbetrachtung in Hinblick auf das Phänomen “Meldedummheit“, erinnert eine solche Korrespondenz an ein Korrespondenz-Tennis: es geht immer ganz gut hin und her, landet der “Meldeball“ in meinem Feld, returniere ich den Ball wieder ins Feld des Mit-Korrespondenten zurück, der ihn wieder in mein Feld returniert, etc.

Um nur noch für einen kurzen Moment in diesem Bild zu bleiben und zum Thema des heutigen Eintrages zu kommen: mir erscheint es nun so, als wäre ich in Sachen Melde-Tennis in der letzten Zeit einer dieser Spieler, die Aufschläge über das Netz hämmern, die nicht returniert werden (können?). Ich schlage also immerfort Melde-Asse, denen keine Antwort folgt. Nun mag diese Eröffnung ins Thema subjektiv erscheinen und mancher Leser sich denken: “Was schreibt der schräge Typ wohl auch für Mails/Nachrichten?“.

Dann aber wiederum, wo ich ausgesuchte Freunde und Bekannte imgleichen über dieses Phänomen klagen höre, möchte ich das Ganze lieber doch im ersten Teil meiner Auslassungen zum Thema ins Staatstragende wenden: kann es sein, dass die digital zerrüttete Gegenwart und die allgemein zu beobachtende “What’s-Appisierung“ der Fernkommunikation die klassische Korrespondenz zerschossen hat?

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Nun begleitet das Phänomen der Meldedummheit die Menschheit seit man miteinander fernkommuniziert. Von einer gewissen Grundzähigkeit im Angang der Kommunikation zeugen Myriaden von Briefwechseln von sowohl berühmten Persönlichkeiten als auch “everyday people“, in welchen sich immer wieder derselbe Topos der Schreib- und Mitteilungshemmung an den anderen deutlich macht. Es gibt ehrliche Erklärungen, es gibt Vertröstungen, Lügen, durchschaubare Entschuldigungsmanöver und den zutiefst empfundenen Ausdruck über die Verwunderung in Bezug auf die eigene Meldesperrigkeit: “Warum ich mich nicht meldete, verstehe ich ja selbst kaum gut genug, als dass ich es dir erklären könnte.“ Das haben die schreibenden Krieger in den Feldpostbriefen zB aus dem Ersten Weltkrieg dem gewöhnlichen Meldefaulen allerdings voraus: sie können auf den Schützengrabeneinsatz als nicht gerade vernachlässigteren Hinderungsgrund in Bezug auf das Schreiben verweisen.

 Aber dennoch werde ich den Verdacht nicht los, dass die klassische, wie ich sie verstehe, zusammenhängende und vertiefende Korrespondenz zwischen zweien auf der roten Liste der aussterbenden Kommunikationsarten steht und ich meine als Grund dafür den Whatsapp-Wahn der Mitmenschen ausgemacht zu haben. Ich sehe es ja bei den Menschen meiner Umgebung, wie sie allein noch Aufmerksamkeit ihren im Minutentakt eintreffenden belanglosen Meldungen schenken. Dagegen waren ja SMSen noch Romane. Tatsächlich allerdings gibt es noch einige wenige Menschen, die um der Nettigkeit willen mit mir via SMS kommunizieren, da ich als Konsequenz, dass ich nicht bei Facebook bin, naturgemäß auch bei Whatsapp vergeblich gesucht werde und man kommt sonst schlecht an mich heran, wenn man es denn überhaupt möchte. Diese “Nettigkeit“ bekommt man dann aber schnell zu spüren,wenn man nach einer Pflichtantwort des Gegenübers in aller Lakonik sich dann flugs wieder auf sich selbst zurückgeworfen findet. Mögliche Nachfragen werden dann schon relativ genervt beantwortet oder mit einer Gegenfrage: “Sag mal, wann schaffst du dir denn jetzt auch endlich einmal WhatsApp an?“
Es ist schon ganz klar: eine SMS-Flat ist in diesen Zeiten ungefähr so attraktiv wie Fernschach auf Postkarten.

Und so klingt die Frage der letzten Zeit an mich selbst: sind eigentlich “deine“ Leute jetzt alle “bei“ WhatsApp? All die Leute, die sonst immer so beredt waren und sich ausführlich mitteilten und mit denen man, wenn auch ins Digitale transformiert, eine Korrespondenz führte, die diesen Namen auch tragen durfte: sind die jetzt alle da oder wo sind sie, da sie sich ja nicht melden? Da man in der Zwischenzeit als Person ja nun vermutlich nicht merklich abscheulicher geworden ist, als man es zuvor vielleicht schon war, liegt der Verdacht nahe, dass viele Zeitgenossen die klassische, Zeit in Anspruch nehmende Korrespondenz mittlerweile viel zu anstrengend finden und durch den Zeitgeist inzwischen diametral anders ausgerichtet worden sind.

Die Logik der WhatsApp-Message ist die einer Discount-Kommunikation um der permanenten Kommunikation willen, die Chat-Logik hat dabei die Bereitschaft zur nachhaltigen Kommunikation, die eben die klassische Korrespondenz darstellt(e), völlig zerschossen. Dieselben Leute, die sich zB bei mir darüber beschweren, dass sie teure SMSen verschicken müssen, um mit mir zu kommunizieren, schicken mir dann aber auf eine Frage, wo man denn zB sich treffen möchte, diese sechs SMSen innerhalb von 20 Sekunden:

1. Café Lichtblick

2. Ist Arnoldistraße 2

3. Am besten U-Bahn XY

4. Bin um 17.10 Uhr da

5. Hab Bucht dabei.

6. Buch

Die gesamte Info hätte man gemütlich in eine SMS packen und sich Kosten sparen können, ich hätte auch einige Minuten auf die Infos gewartet, kein Ding. Aber die Chat-Logik, die die Kommunizierenden dazu zwingt, möglichst in Echtzeit Informationen zu äußern, ist zu einem irrwitzig-hysterischen Reflex geworden. Das Ganze hat etwas von respektloser Zombie-Kommunikation, der man offensichtlich anmerkt, dass sie in alle Richtungen und mit konstant wechselnden Gesprächspartnern beliebig austausch- und hinrotzbar ist.

Meine Theorie: je mobiler Kommunikation wird, umso flüchtiger wird sie imgleichen, man könnte auch von einer liquiden Kommunikation sprechen (oder gleich einer Liquidation der Korrespondenz?). Man schafft über die Beschleunigung der Mitteilung ein Abschleifen des gesellschaftlichen bindenden Aspektes derselben. Relevanz kommt der Kommunikation als fortlaufendem Flow in Echtzeit zu, da diese äußerst novophil wirkt, d.h. kurzzeitig Endorphine freiwerden lässt. Das Glück des Handy-Piepsens wird inflationiert, es brummelt, sirrt und piepst und pfeift fortwährend aus dem “Smart“phone: “Es ist immer jemand da für Dich.“ wäre  daher eine entsprechende Phrase für dieses Glücksgefühl, dass sich die Masse der miteinander Kommunizierenden mittlerweile durch die Inflationierung der Mitteilsamkeit schafft.

Discount-Kommunikation bedeutet also auch eine spürbare Banalisierung des Inhaltes von Messages: während intellektueller Tiefgang bei dieser Form grundsätzlich vermieden bzw allein schon durch die Form unmöglich wird, werden banale Zusammenhänge durch das fortlaufende Kommunizieren darüber aufgewertet und derart in ihrer Relevanz grotesk verzerrt.Ersparen Sie es mir an dieser Stelle, lieber Leser, als Beweis u.a. die infantilen Petitessen-Dialoge zu zitieren, die ich mir bei Freunden schon anhören musste.

Eine solche Regression der Kommunikation bringt es dann bei den “Betroffenen“ konsequent mit sich, dass an die Konzentration, um überhaupt eine Korrespondenz mit jemandem aufzunehmen, nun gar nicht mehr zu denken ist. Wenn es dann einer mal doch versucht, wohl wiederum aus “Nettigkeit“, endet das in Mails, die ohne die Verwendung von “linking words“ oder sonstigen, diverse Sinnabschnitte verbindenden, Phrasierungen auskommen und lieber “durch“nummerieren, um daraufhin in Ziffernblöcken auf diverse Aspekte meiner Ausgangsmail zu antworten. Eine solche Form der Kommunikation trägt dann schon deutlich bürokratische Züge und erinnert daher nicht ohne Grund eher an ein Amtsschreiben als an eine Korrespondenz unter Freunden. Um mögliche Antwortfreudigkeit meinerseits von allem Anfang an auszublockieren, wird zusätzlich natürlich auf das Nachfragen bzw Fragestellen verzichtet. Bloß nicht wieder das Korrespondenzmonster wecken, dass einen aus der Meldedummheit reißen möchte! Kommunikative Stillosigkeit hat immer auch etwas von einem Krankheitsbild.

Nun mag mancher Zeitgenosse diese Abflachung der Kommunikation für normal und erstrebenswert halten und über eine weitere mitmenschliche Nachlässigkeit bloß milde lächeln. Darauf erwidere ich, dass ich zwar mit Meldedummheit (also der Unfähigkeit eines jemanden, sich bei einem anderen zu melden, obwohl man es gern würde) absolut leben kann, zumal man selbst daran leidet. Discount-Kommunikation dagegen führt über die Einsilbigkeit bei gleichzeitiger Inflationierung der Mitteilung hin zu einer Verflachung und Simplifikation des Denkens. Statt Tiefe und Durchdringung erwartet einen bei der Lektüre seichte, völlig dem Moment ergebene Hingeworfenheit, an die sich nicht weiter anknüpfen lässt. Wer solche Formen der Kommunikation wählt, kommt nicht mehr auf qualitative Sprünge in der Beziehung zwischen zweien, sondern neigt auf Dauer zum Flachwassertauchen im Niveau-Nichtschwimmerbecken.

Ich habe dann auch einfach keine Lust mehr auf Antwort-SMSen wie die eines (bislang noch recht) intelligenten guten Freundes auf meine Ursprungsnachricht, in der ich eine Botschaft ganz deutlich und verständlich in einer SMS mitgeteilt habe. Seine Antwort darauf in 3 SMSen (12 Sekunden-Takt)

1. Ok

2. Wie Mainz du das?

3. Meinst

Der nächste Teil dieser Betrachtungen wird sich einer Archäologie der Meldedummheit und der verflachenden Korrespondenz-Kompetenz widmen, also folgerichtig:

…nächstens mehr…

Flüchtlinge als Kollektiv “Ärgernis“

“Doch die jordanische Regierung hat nicht die Kraft, den jungen Syrern eine Perspektive zu ermöglichen und so sagt auch Mohammed: ‚Wenn sich die Lebensumstände hier nicht bessern, werde auch ich nach Deutschland gehen.“

Aus: “Integration unerwünscht“, TAZ vom 4.2.2016 (Florian Barth)

Wenn man sich gleich zu Beginn vor dem Leser den Kalauer erlauben muss, dass die einzige Gemeinsamkeit der Flüchtlinge und der AfD inmitten all der medial aufgekochten Zwistigkeiten darin bestehen mag, “Deutschland, Deutschland über alles“ als Tagesmotto gemeinsam zu proklamieren, so lässt sich schon ahnen, auf welch schmalem Grat sich ein Text bewegt, der in der Mitte zwischen den beiden vorgeschlagenen Hysterie-Optionen “engherzige Fremdenfeindlichkeit“ und “aufgeputschte Integrationseuphorie“ tanzen möchte.

Der Diskurs um die “Flüchtlingskrise“ musste notwendig in besagte Hysterie umschlagen mit den beiden Haupt-Optionen “hysterische Hoffnung“ und “hysterischer Pessimismus“. Nun mag man diesen Faktor noch verschmerzen, da doch die Hysterie der Tagespresse seit unvordenklichen Zeiten so ins Genom geschrieben ist und allemal mehr unterhält als der ewiggleiche moderate Leierkastenton mit täglichen frivol-banalen Berichten zum Konsumverhalten der Deutschen, Gründen für das marginale Auf- und Abwippen des DAX, und Meldungen über den Griechen und andere Südeuropäer, “die ihre Hausaufgaben“ mal wieder nicht gemacht haben (dies nur mal in Parenthese gesagt: diese totzitierte Metapher, die sich Vertreter der gesamten Regierungsbank schwarzrot gern in ihren PR-Sprech einbauen, zeigt nur allzu offensichtlich, welche schulstreberischen Absichten den traurigen Popanz der Bundesrepublik bilden).

Übungen in politischem Betroffenheitsjournalismus sind zum journalistischen Standard herangewachsen und das große Gesamtgefühl erreicht endgültig die Politik, die sentimentalische Wandlung von Realpolitik zur therapeutischen Feel-Good-Maßnahme. Was jetzt an sich eine einigermaßen erstrebenswerte Sache wäre, hätte man nur nicht fortlaufend den Eindruck, dass aus besagter Sentimentalität eine stichflammenartige Dilettanteneuphorie hervorwuchert, die einen schon wieder über die Maße entnervt, weil man spürt, dass diese Gefühligkeit eher politische Regression bedeutet als Aktion und Aufbruch.

Das Phänomen lässt sich eventuell mit dem Begriff “inszenierte Empathie“ ganz gut beschreiben und ist u.a. dem Gefühl verwandt, dass mancher empfindet, wenn er Bio-Fleisch kauft statt entsprechender Discounterware: man fühlt sich danach einfach so gut, dass man es ruhig auch noch in die sozialen Medien hinausposaunen kann! Hinterfragt werden die Motive nicht weiter und ganz ähnlich auch in Bezug auf “den Flüchtling“ als inszenatorisch beliebig einsetzbare Heilsfigur des Consumer-Optimism: komm her in den Westen, hier geht es uns gut und wir bieten dir Heimstatt und bald geht es auch dir gut hier und du arbeitest mit im und an diesem System, das doch auch dir soviel zu versprechen scheint, lieber Flüchtling.

Dabei wird meist nicht beachtet oder umso lieber verschwiegen, dass das Elend der Flüchtlinge nicht allein Folge, sondern vor allen Dingen auch Grundbedingung “unseres“ westlichen Wohlstandes ist. Der westliche Bürger in seinem politisch vorgeschriebenem Modus als Dauerkonsument kann da natürlich leichtfertig die herzliche Geste aus dem Ärmel ziehen und die unbegrenzte Aufnahme von Flüchtlingen einfordern. Wenn der einzelne aber zB seine für den Nebenverdienst zum prekären Lohn auf Air B’n’B zur Vermietung ausstehende Wohnung für einen Flüchtling hergeben müsste oder man das Tagesmotto “Konsumverzicht“ ausriefe, würde das Eis der Begeisterung schon wieder hörbar dünner. Ob man Menschen, die Photos von ihrem Frühstück schießen, dazu bewegen kann, auf den banalen Glamour der Diesseitigkeit zu verzichten, darf allerdings bezweifelt werden.

Die Flüchtlinge wiederum fliehen ja nicht nur vor Elend, sondern auch sie erliegen dem in sozialen Medien vermittelten Paradies-Image westlichen Wohlstandes und imaginierter Wahlfreiheit: wenn schon raus aus der Heimat, dann doch bitte direkt nach Deutschland. Man kann es ihnen nicht verdenken, wenn sie erst zu erreichen und nachzuholen gedenken, was den Menschen im Westen so selbstverständlich als Anspruch erscheint, die wir uns als Weltenretter aufspielen, derweil wir weiterhin profan und profitgesteuert sind und fortwährend (kollateral, also größtenteils unbewusst) global exakt die Bedingungen erzeugen und uns wohlig in ihnen suhlen, aus deren miserabler Peripherie wir dann generös die Elenden erretten wollen.

Wenn also der Flüchtlingsdiskurs nicht zu einem radikalen Diskurs über einen ebenso radikalen Wandel des Denkens in der Politik und des Weltwirtschaftssystems führt, taugt er nur dazu, als Angsttapete auf dem Hintergrund “Überfremdung“ und dem Langeweile-Dauerbrenner “spezifische Problematiken der Verschärfungen im Asylrecht des Jahres 2016“ herzuhalten. Die so lapidar-naiv anmutende Frage: “Was läuft da eigentlich schief in der Welt?“ verlangt eine extrem handlungsstarke gestaltende Antwort.

Ebenso ist allerdings auf der “Gegenfahrbahn“ schon allein aus intellektueller Redlichkeit eine nüchterne Abklärung (sehr frei nach Kant: “Die Abklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Anfangseuphorie“) der unhinterfragten Posaune einer unbegrenzten Aufnahme von “Elendsflüchtlingen“ von höchsten Nöten: Erkenntnisse aus Interviews mit Flüchtlingen aus verschiedenen Weltregionen lassen bereits ein recht deutliches Bild eines “going viral“-Aspektes der Fluchtwellen erkenntlich werden: die Flucht erfolgt nicht selten auch aus der Lemmingperspektive heraus, die Fliehenden glauben dem social-media-vermittelten Hype, dass im Westen eben doch alles besser ist und machen sich auf dorthin, ohne dass hohe und existenzielle Not bestünde. Nur AfD-Wähler gehen dann aber den Abzweig in die extreme Richtung und ziehen hieraus hysterisch-restriktive Konsequenzen. Dabei lässt sich viel gelassener konstatieren, dass man sich bei den Flüchtenden über erstaunlich viele leidlich schicke Turnschuhträger in Trash-Jeans mit modernsten Smartphone in der Hand und makellos frisiertem Haar nicht lange mokierend aufhalten darf: wenn der Westen den individuellen Wohlstandsanspruch in die Welt setzt, darf sich keiner wundern, wenn benachteiligte Majoritäten, denen man in Flüchtlingslagern in zB Jordanien oder der Türkei das Essen gestrichen hat, weil keine Wohlstandsnation mehr Zahlmeister für Kost und Logis sein wollte, endlich auch ihren “Platz an der Sonne“ suchen. “Mum, they don’t look ragged at all!? Are they even refugees?“ Mit einer solchen (im Westen geschürten) Erwartungshaltung gehen Flüchtlinge dann auch ihre Ankunft an und finden sich enttäuscht: wieder nur Lager und Zelte, maximal ein geteiltes Hotelzimmer, Dixie-Klo’s und Baumärkte, in einem kleinen Dorf im deutschen Mittelgebirge gelandet, der Bus fährt nur einmal die Stunde und nirgendwo dort ein syrisches Gemüsegeschäft weit und breit. AfD-nahe oder einfach nur zu kurz denkende Bürger erwarten den demütigen Flüchtling, der sich gefälligst in den Modus “Gestrandeter“ zu fügen hat, der Flüchtling dagegen erwartet zusammen mit Integrationseuphorikern eine magische und maximal reibungsarme Direktintegration in sein Ziellandparadies und an dieser Stelle ist es an der Zeit, über kollidierende Formen der Rat- und Hilflosigkeit aus zwei diametral sich entgegenkommenden Systemen zu sprechen.

Was immer sich die Flüchtlinge über ihr jeweilig (eventuelles) existenzielles Elend hinaus auch erhoffen, was sie offensichtlich dazu bewegt, ausgerechnet Mitteleuropa anzusteuern, in dieser Kollisionsbewegung trifft jedenfalls die Rat-und Hilflosigkeit instabiler Staatssysteme des Nahen Ostens auf die Rat- und Hilflosigkeit eines durch das neoliberale Wüten ausgebrannten Westens, was eine blendende Ausgangslage für endgültig resignative soziale und politische Muster bildet.

Man muss zudem bei der Angst, die viele vor den “Flüchtlingsströmen“ haben, genauer betrachten, was denn diese Angst speist. Hier gilt es zu unterscheiden zwischen dem Flüchtling als Individuum und dem Kollektiv, das die Gesamtzahl der Flüchtlinge bildet. Die meisten Menschen dürfte “die Flüchtlinge“ als Kollektiv-Muster beängstigen. Vielleicht auch stellt dieses Kollektiv-Muster deshalb ein Ärgernis dar, weil das eigene liberale Weltbild (so u.a. in der Bahn nach Köln-Mülheim, in welcher man anhand der Passagiere den Eindruck erhalten könnte, man befinde sich im Fernbusverkehr irgendwo zwischen Damaskus und Kabul) einer erstaunlich zähen Rumination und permanenten Neubefragung und -ausrichtung der eigenen Position unterzogen wird und man befragt sich selbst einen Augenblick lang, inwiefern der scheußliche Begriff der “Überfremdung“ nicht vielleicht doch seine Berechtigung hat, bevor man bemerkt, dass man eher befremdet ist von den eigenen Gedanken und ihren Abwegen gerade. Und dann ärgert man sich in Vexierbildmanier mal über die Flüchtlingskrise, als könne die Masse dieser Menschen etwas dafür, dass einem endlich die fest verzurrten Standpunkte im Kopf mal wieder weichgeklopft werden und dann wieder über sich selbst, dass einem solche Gedanken überhaupt im Kopf herumgehen. Die Weltgeschichte aber dreht ihr Rad nach freiem Willen: “It’s a monumental change, I know, but learn to deal with it!“

Und diese Veränderung wirkt auf beide Seiten der Medaille ein: die Flüchtlinge verändern Deutschland ebenso wie das Land die Flüchtlinge verändern wird. Hier werden Synkretismen und kulturelle Synergien entstehen, von denen man jetzt nicht einmal zu träumen wagt. Der biederdeutsche Konservative kämpft derzeit einen verzweifelten Abwehrkrieg gegen die Veränderung, derweil das linke Lager die eigenen Toleranzkapazitäten noch maximal überschätzt. Beiden täte ein Touch Skeptizismus in Bezug auf die eigene Position gut. Während die konservativen Kreise endgültig den Untergang des Abendlandes und dessen Re-Missionierung durch den Islam fürchten, wird man bei den Linken mitunter das Gefühl nicht los, dass man die Flüchtlinge als Tamagotchi-Ersatz “verwendet“.

Für Sentimentalitäten ist keine Zeit bzw darf Nostalgie nach alten Verhältnissen nicht dazu führen, dass man in CSU-Manier (um von der AfD mal ganz zu schweigen) diese Nostalgia zum Ausgangspunkt einer Politik der Zukunft nimmt: das taugt nicht und endet nur wieder in einem Europa “bewährter“ deutscher Traditionen der Deportation, der Lager, Mauern und Zäune, der Separatismen und der irredentistischen Anwandlungen. (Wie ein solches Europa übrigens klänge? Dazu lauschen Sie doch bitte einfach dem Song “Warszawa“ vom David Bowie-Album “Low“, das im eiskalten Berlin des Jahres 1978 entstand).

Ebenso wird jedoch schon allein aus Raum- und Ressourcengründen nicht klappen, dass Deutschland völlig gestaltungsfrei und ohne Oberkante wie eine Akkretionsscheibe auf ewighin die Flüchtlinge und Wohlstandsaspiranten der Welt aufnimmt. Hier heißt der weitere Weg, dass man Flüchtlingsursachen tatsächlich radikal bekämpft (und zwar in mittelfristiger Zukunft gemeinsam! mit den Geflohenen) statt immer wieder nur diesen leicht rausgehauenen Slogan in Talkshows zu bringen. Aber bitte verstehen Sie richtig, lieber möglicher AfD-Leser: die Ursachen bekämpfen, nicht die Flüchtlinge.

…nächstens mehr…

 

 

 

 

Permanente Präsenz (Im Synapsenfeuer)

“Und dann fragte er im Flüsterton, in dem er schon die ganze Zeit gesprochen hatte, ob Ruhe in diesem Fall das Gegenteil von Wahnsinn bedeute. (…) ‚Nein, durchaus nicht, wenn du Angst haben solltest, verrückt zu werden, kannst du beruhigt sein, du wirst nicht verrückt, du hältst nur ein unverbindliches Schwätzchen.‘ Dann werde ich also nicht verrückt, sagte Amalfitano. ‚Überhaupt nicht.‘, sagte die Stimme.“

Roberto Bolano, 2666

Als begleitende Vorstufen zum Wahnsinn des Einzelnen werden verschiedene Verfallsformen eines Subjektes beschrieben, als da unter vielen wären: Paranoia, Größenwahn, Dissimulation (dies eine Meisterleistung unserer neoliberal befreiten Gesellschaft übrigens, die ihre Krankheitssyndrome verdrängt und herunterspielt und dabei wiederum diese Krankheitssyndrome sogar aufwertet zum Positiven, bis die Pestilenz das System endgültig erfasst hat und der Marasmus unverkennbar). Weiterhin: kognitive Dissonanzen, Angstneurosen, manische Hysterie, Regression und Repression und was dergleichen mehr an Zerfallsstadien rationaler Systeme aufzuführen wäre.

2016: und alles bewegt sich im wilden Tanz zwischen solcherlei Syndromen. Zwar benennt man diese Syndrome, (Völker, hört die Symptome!) und simuliert Rationalität, wo nurmehr noch monströser Irrsinn (ge)waltet. Die Welt aber ist bereits jetzt digital beschleunigt, dass einem die Ohren dröhnen und das hysterische Hirn als analoger Adapter digitaler Schnittstellen im grässlichen Synapsenfeuer all der Reize und Applikationen wimmert, aber wer hört dieses Wimmern des zerebralen Systemes noch? Die App-Logik überlagert alles, man ist räumlich hyperorientiert, gesellschaftlich dagegen komplett geländeblind: “was soll alles noch bedeuten, wohin geht das Ganze, wohin mit dem Menschen, sind wir nicht schon viel zu schnell viel zu viele für diesen tellurischen Planeten?“, so müßten die Fragen dieser Zeiten unter vielen anderen mehr so lauten, aber diese Fragen, ploppen sie überhaupt in den appifizierten Hirnen einmal auf, spielen keine große Rolle, schon gar nicht werden sie beantwortet.

Im Chaos des Ereignisses, das immer auch zur Nachricht taucht, wird nichts mehr eingeordnet, die beschleunigten Fakten bombardieren uns mit So-Sein. Einordnen kostet Zeit, Ordnung kostet Aufwand und Zeit: wir haben keine Zeit, betreiben diesen Aufwand daher nicht. Keine Einordnung möglich und nötig: was auf uns zukommt, ist daher keine Zukunft mehr, sondern generelle Gegenwart, permanente Präsenz, die Gegenwart im Voranschreiten als Substitution einer Zukunft. Zur Programmatik des Progressiven gehörte immer auch eine Art “Fortschritt“ des Menschenbildes: abgesagt. Reflektiert wird darauf, wie der Profit generiert und gesteigert wird und wie man die entertaining devices immer wieder so interessant macht, dass die Konsumisten sich auf diese Geräte stürzen. Mit dem Menschen hat man nicht mehr viel vor, es zählen die Daten und alles, womit man rechnen und was man be- und vorausberechnen kann: der Mensch ist die billige Ressource, die sich selbst ausbeuten darf: ein manipulierbarer Profitgenerator für Dritte, der sich soeben noch ernähren kann und natürlich darf.

So bleibt das meiste Weltgeschehen als unverstandenes Ereignis am Wegesrand der Geschichte liegen, wie Müll, der nicht mehr beseitigt wird. Es entsteht dabei aber auch keine Stratifikation mehr, nach der das Neue das Alte überlagert und unsichtbar macht. So übt die permanente Präsenz  auch einen maximalen Druck auf die Vergangenheit und “Ge-Schichte“ (Achtung, Heidegger!) aus: der Druck der digital verschriebenen und übersteuerten Gegenwart löst eine Tektonik auch der Vergangenheit aus: das Vergangene liegt beständig vor, nicht mehr vergraben, sondern präsent, kommuniziert und wirkt in die Gegenwart hinein. Diese Tektonik der ehemaligen Zeitschichten bewirkt nach vorn ein Verschwimmen der Vorstellungen von der Zukunft: die Zukunft wird nur noch als Simplifikation von Handlungsabläufen (die natürlich fast allein dem Konsum gewidmet sind) verstanden. Es geht also nicht so sehr darum, wie der Mensch in der Zukunft leben soll, vielmehr besingt man die Optimierung des Menschen hin zu seiner optimierten Performanz-Befähigung…höher, schneller, weiter für das entfesselte neoliberale Monstrum. Der Mensch zählt nicht, die Maschine rechnet.

Wozu braucht es den analogen Körper in der digitalen Zukunft der permanenten Präsenz? Im Cyber-Device Oculus Rift steckt mehr Weltflucht als im Wolkenkuckucksheim eines philosophischen Eremiten, so glauben die Priester des Silicon Valley. Wenn Du keinen Plan hast, wie du das Leben führen sollst, frag Google und lass es Dir in Zukunft einfach ausrechnen. Der Mensch ist in diesen Systemen nur ein Mangelwesen, das es aufzurüsten oder abzuschaffen gilt. Der Mensch hat den Geist, die Maschine die Intelligenz.

Die Gesellschaft der glücksjubelnden Dis-Individuen der permanenten Gegenwart ist eine Gesellschaft, die sich komplett gegen das Menschliche wendet (zwingen Sie mich nicht zu einer Definition für den Terminus “das Menschliche“) und die ansonsten jeden Bullshit-Operator (also einen Agent des neoliberal-digitalen Systems) dazu anhält, die Zweifelnden auf die überall aufzufindenden Kollateralnutzen des FUBAR- (Fucked up beyond any recognition) Systems hinzuweisen. Wenn du in der Scheiße und im Dreck anderer wühlen darfst und diese Hölle DEINE ewige Gegenwart ist, so freue Dich und preise die Güte des Systemes, denn da fällt etwas für Dich ab vom Tisch der hohen Herren, da winkt Dir Brosamen, da kannst Du doch unmöglich klagen wollen. Es wird zwar in Billigarbeit hergestellt, es macht zwar die Natur kaputt, es fördert zwar den unendlichen Konsum, der die Apokalypse der Lebenswelt bedeuten wird, ABER: dafür hast du am Ende einiger deiner Arbeits- (und Lebens-)-monate auf Dreckslohn  dann auch Dein neues iPhone 6. Verstehe, simples Subjekt, DAS ist der Kollateralnutzen der Ausbeutungsverhältnisse und der Kostenauslagerung: wir beuten Dich aus, damit du am Ende die Chance hast, dir das Ding zu leisten, das uns so großen Profit beschert. Mag alles den Bach runtergehen: wir haben den Profit, du dein weltenschaffendes Spielzeug: was will man mehr? Wen kümmert da das beschissene System? Die Umwelt, die Zeitumstände, die Zusammenhänge? Aller Zauber liegt in der Effizienz und dass man es brummen lässt. It’s all so fucking FUBAR…

Verdonnert zur prästabilierten Gegenwart in diesem abgefuckten System, verdonnert auch zum Mitmachen noch in der Verweigerung, verdonnert zum Selbstausbeuten und zum Drohnenobjekt, verkommen zum Algorithmus und zur Ressource, verkommen zum Verbraucher und zum Konsumenten der Fabrikation von Fakten und Kausalitäten, also Propaganda-befeuert, Pragmatismus noch beim Einritt der Apokalyptischen Reiter (die ZEIT würde uns auch in diesem Falle mit Verlass “5 Gründe, warum die Apokalyptischen Reiter ausgerechnet jetzt erscheinen!“, nennen können), Primitiv-Propaganda, Effizienz, die Simulation von Bescheid-Wissen (“Was wir darüber wissen-und was nicht.“), all dies Bescheid-Wissen produziert in Oasen der Ahnungslosigkeit und der zombiehaften Phraseologie aus PR-Büros (Propaganda-Relations), all diese fortwährend übersteuerte, hysterische Gegenwart, diese euphorische Kakophonie, dieser Miserabilismus eines Zeitalters, das gerne weiter wüßte, aber nicht weiter weiß…

Sparen wir uns für heute, für jetzt, jetzt, jetzt den Rest…jetzt…(nicht)

…nächstens mehr…