Aus einem empörten Nachtgespräch mit Zaghans Meimelmoos oder: Ein gebrochenes Herz im Gips

Vor einigen Nächten klingelte es mitten in selbiger an meiner Haustür. Ich schaute kurz auf die Uhr, 3.16Uhr, da war jemand sehr couragiert. “Das Licht war ja bei Ihnen noch an!“, sagt der Zeitungsbote, als ich fragend eines meiner zur kleinen verschlafenen Straße hinausgehenden Fenster öffne. Durch das Präteritum wirkt sein Satz so, als sei das Licht jetzt, als er dies spricht, bereits wieder aus. Aber mein Studierzimmer ist noch hell erleuchtet und natürlich bin ich noch wach. Der Briefkasten ist zu voll und er dachte, da kann er mir die Zeitung doch auch in die Hand geben. Ob es eigentlich seine Richtigkeit damit habe, dass ich 2, bis vor kurzem sogar 3! Tageszeitungen erhielte? Ja, das hat es. “Finden Sie das sehr schlimm?“, frage ich mit der typischen Empörung des in seinen nächtlichen Kreisen Gestörten, woraufhin der Bote nur antwortet: “Nein, nur ungewöhnlich.“ Ich bin ein bisschen traurig darüber, den Zeitungsboten zu sehen. In meiner Welt sind Zeitungsboten unsichtbare Gestalten in der Nacht, fast wie Vampire.

Gestern nacht dann klingelte es wieder an meiner Tür, 2.34Uhr jetzt. Ich empfand nun doch gleich zu meiner vormaligen Unmut über den Zeitungsboten zurück. “Das ist doch sicher wieder dieser ZeitungsLÜMMEL!“, sprach ich folgerichtig beim Aufstehen aus meinem Großvatersessel in Richtung meiner gemütlich vor sich hin säuselnden Katzen zu. Verärgert legte ich meinen Properz zur Seite, griff aus grimmiger Verlegenheit zu einem Teebeutelfähnchen als Lesezeichen und riss das Fenster auf, durchaus empörungsbereit. Aber niemand vor der Tür. Also stürmte ich auf die Straße, wie jemand, der mit seiner aufgeblasenen Empörung irgendwohin muss, aber dort war niemand zu sehen. “Klingelmäuschen“, kam mir in den Sinn, aber wer sollte nachts um halb drei Klingelmäuschen spielen wollen? Kinder ja wohl nun nicht. Nun hatte ich mich kaum wieder auf meinen Sessel gesetzt und das Buch aufgeschlagen, da klopfte es durchaus mit Nachdruck an meiner Tür.

Ich schaue trotzdem erstmal durch den Spion. (Um durch selbigen zu schauen, muss ich erst einmal ziemlich zeremoniell und bedeutungsaufwertend ein Metallplättchen zur Seite schieben, was entschieden melodramatische Züge trägt.) Der Flur ist dunkel, ein großer Schatten bewegt sich dennoch am linken Blickrand der Sehvorrichtung. Da ich selbst nur ein kleines schimmerndes Abzugshaubenlicht in der Küche anhabe, kann ich die Gestalt auf dem Flur nicht ausmachen, als ich die Tür öffne.

Das Schemen steht etwas unschlüssig mit den Händen in den Taschen im rückwärtigen Raum des Flures. Dann dreht es sich langsam um und fragt entschieden tief und laut in das Dunkel des Flures hinein: “Paul Duroy?“. Mich durchfährt es ja doch etwas und ich kann nicht entscheiden, ob es aufgrund der sonoren Stimme so geschieht oder weil es mir etwas peinlich ist, dass da mein Name durch den nächtlichen Hausflur schallt.

In einem seltsam getragenen Schritt tritt der Schatten heran, bis er im Zwielicht nun doch ganz vor mir steht, etwas größer als ich, große Lederschuhe nach feinem Budapester Schnitt, ein mächtig rauschender Vollbart nach Marx-Manier zeichnet sich ab, Zigarrenrauch schlägt mir entgegen, da drückt mir die Gestalt schon ein Pappzettelchen in die Hand.

***Zaghans MeimelmoosPhilosophem-Vertreter und bis zur eigenen Empörung erschöpfter Rentier—***Apparat 3638***

Ich bin im Grunde zutiefst konsterniert. Ich drehe und wende das Zettelchen in meiner Hand, sehe dann von dem Visiten-Billet wieder auf und hin zu der Gestalt, da donnert es wieder durch den Flur, während der Schatten mit dem Zeigefinger wieder und wieder auf das Billet trommelt: “Jaja, das hat schon alles seine Berechtigung und seine raison d’etre so. Gemeint sind doch einmal eindeutig ‚Philosopheme‘ und keine Philosophen. Ich höre das dauernd. Ich kann es aber nicht mehr hören. Dieser illiterate Pöbel, vulgus profanum. Würde ich PHILOSOPHEN vertreten, wäre ich Anwalt einer von allem Anfang an verlorenen Sache. Und auch alles Weitere hat seine Bewandtnis geradewegs so, wie es auf meinem Billet de Visitation gedruckt steht: ich bin bis zur eigenen Empörung erschöpft, nicht aber etwa: bis zur eigenen Erschöpfung empört. Damit dieser Punkt auch gleich klar ist. Abschließend ist unbedingt noch hinzuzufügen, dass ich kein Ren-TIER bin.“

Jetzt sind keine 2 Minuten seit diesem bizarren Auftritt des Zaghans Meimelmoos in meinem Hausflur vergangen, da gefällt mir der Kerl doch schon so gut, dass ich ihn hineinbitte. Wer nachts um halb drei keine anderen Hobbys hat, als wildfremde Menschen aus dem Bett zu klingeln und sie in Bezug auf die eigene Autobiographie zurechtzuweisen, ohne dass selbige dazu schon etwas geäußert haben oder auch nur überhaupt je geäußert haben wollten, ist mein Mann.

Es zeugt in gewissen Maße von einer ausgesuchten Grobheit, dass Herr Meimelmoos nicht allein seine Zigarre mit in meine Wohnung nimmt, sondern auch sehr selbstverständlich mit seinen doch lehmigen Schuhen geradeheraus in mein Bücherzimmer stapft. Etwas verärgert scheine ich ob dieser Tatsache auszuschauen, woraufhin er, schon an einer meiner Bücherwände stehend und nach Art eines Kurzsichtigen die Bücher in seinen Blick nehmend, nur meint: “Wissen Sie, werter Duroy, Besucher dazu zu bringen, die Schuhe direkt an der Haustür auszuziehen, das macht man bloß in Ostdeutschland oder in der Moschee. Das ist tatsächlich so ostdeutsch wie dreiviertel zwei. Jetzt schauen Sie sich doch aber mal lieber an, was Sie hier stehen haben…!!“, während er selbstvergessen die Zigarre neben sich auf meinen Fußboden aschen lässt.

“Was hat es denn mit dem Apparat 3638 auf sich?“, möchte ich mit einem demonstrativ wiederholten Blick auf die Visitenkarte wissen. “Ach, kommen Sie! Jetzt mal nicht so ängstlich, Paul Duroy!“. Mit einem diebischen und zugleich sehr vulgären Lächeln starrt er jetzt auf eine Reihe grüner Buchrücken und setzt hinzu: “Der alte Husserl! Husserl, dieser Schnarrenpieper. Aber den kann man lesen, wenn man sich mal wieder den Verstand gerade rücken will.“ Wie ich schon befürchtet hatte, greift Meimelmoos mit seinen tabakgegerbten gehlen Händen in die Meiner-Gesamtausgabe hinein und zieht Husserls “Cartesianische Meditationen“ daraus hervor. Unter schallendem Gelächter öffnet er das Buch und überdehnt es mit seinen Pranken direkt so grob, dass die unmittelbar in den Buchrücken einwirkenden Bruchknicke den ebenso unmittelbar unter meinen Augen einschießenden Sorgenfältchen entsprechen. Er liest wild hinein: “Duroy, hören Sie sich einmal das an! ‚Wie komme ich aus meiner Bewusstseinsinsel heraus? Wie kann, was in meinem Bewusstsein als Evidenzerlebnis auftritt, objektive Bedeutung gewinnen?“ Meimelmoos setzt jetzt brachial laut lachend hinzu: “Ja, wie denn nun aber?“ Dann schon wieder etwas ruhiger fügt er noch an: “Bewusstseinsinsel! Das ist wirklich gut. Und berechtigt formuliert…aber sehen Sie, auch Husserl zitiert hier das weise Wort der alten Griechen: ‚Gnothi seauthon!‘. Ja, dass man sich doch selbst erkenne. Damit fängt alles überhaupt erst an, Paul. Das kann einem doch ein anderer nun ganz gewiss nicht abnehmen. Dass man sich selbst setzt, indem man ein Selbst formuliert oder behauptet. Das kann Ihnen doch auch nicht egal sein!“

Ungeduldig stopft er das Buch wieder zwischen die anderen Husserl-Ausgaben zurück. Völlig verknittert steht nun der vernarbte Buchrücken dieses Bändchens zwischen den anderen unversehrten. “Schlafen Sie überhaupt, Paul?“, fragt er mich wie nebenher, während sein Blick jetzt auf den Briefen von Joseph Roth ruht. “Ja, tagsüber.“

“Das ist auch ratsam, mein Lieber. Lassen Sie sich das mal nicht ausreden. Die Nacht prägt den Charakter und der Wappenvogel der Göttin Athene ist nicht die Amsel oder das frühreife Hühnchen, sondern die Eule. Man muss immer auf die Eulen setzen, Paul. Brav und bieder am Morgen aufstehen und dem Tag ins Auge schauen, das kann jeder. Aber der Nacht gegenüber treten und ihren harten Blick aushalten…das ist Sache der Connaisseure, die man sui generis ja vielleicht Vampire nennen mag. Und was uns da eröffnet wird, welche Musen und Nachtnymphen da tanzen. Es gibt ja Menschen, denen ist die ganze Nacht schon per se verdächtig, und so wird man auch Sie als Nachtmenschen verdächtigen, Paul Duroy, einfach so. Was bilden wir beiden uns zB ein, jetzt wach zu sein und an den üppigen Brüsten der Nyx ihre schwarze stille Milch zu saugen? Die schöne furchtbare Nyx. Deswegen ja auch liebe ich den Winter, über den sie immer alle so jammern, diese verzogenen Mitteleuropäer, weil ihnen das Tageslicht so fehlt, aber gerade da werden wir Nachtgeküssten doch beschenkt. Das denkt sich doch keiner aus. Es ist ja nun doch die verfeinerte Façon der Wenigen, die Nacht auszuhalten mit offenem Visier und erwartungsfreudigen Geistes.“

“Ihre Worte sind mir wie aus der Seele geschrieben, werter Meimelmoos. So ist es mir doch selbst vor einigen Tagen widerfahren, dass…“

“Sehen Sie und genau darum erwähne ich es!! Paul, Sie stehen bitte unbedingt zur Nacht. Ich bin da ihr unentwegter Advocatus noctis. Aber jetzt möchte ich doch noch auf etwas ganz anderes hinaus.“

Während er diese Worte spricht, blättert Meimelmoos ein wenig umständlich in Peter Handkes Reiseerzählungen “Noch einmal für Thukydides“.

“Wie soll ich das denn überhaupt auch nur auffassen: ‚Noch einmal für Thukydides‘?!“, schimpft er noch kurz vor sich hin, pfeffert das Bändchen kopfschüttelnd und verärgert wieder ins Regal, zieht von irgendwoher noch die “Ilias“ des Homer hervor, pfeift anerkennend, vielleicht auch durchaus so, wie man früher einer Frau auf der Straße hinterher gepfiffen hätte, blättert auch im Homer sehr ruppig, eventuell nach etwas, mit dem er überleiten kann zu seiner Ankündigung in Bezug auf ‚etwas ganz anderes‘. Er liest ein wenig daraus vor:

“Wie Wölfe, rohfressende, die den Hirsch in den Bergen erlegten und verzehrten, laufen sie nun im Rudel, mit ihren vom Blut geröteten Wangen, von der Quelle mit schwarzem Wasser zu lecken…mit ihren dünnen Zungen das schwarze Wasser.“ – Er macht eine kurze Pause, blickt wie versunken vom Buch wieder auf und spricht vor sich hin: “Das sind doch Zeilen wie aus der Urtiefe des Bewusstseins gerissen. Geschrieben vor fast 3000 Jahren. Wie da die Beobachtungs- und Ausdrucksgabe des Dichters auf die brutalen Gegebenheiten der Ur-Natur trifft. Die Klarheit der äußersten Brutalität wie eine reine messerscharfe Klinge. Mit der ‚Ilias‘, auch mit Homer, dem ganzen Mann, wird man nie fertig. Das bringt einen um den Schlaf, wenn man es ganz genau bedenkt. Da sagen Sie jetzt mal lieber nichts dazu. Außerdem ist es mir um etwas doch recht anderes zu tun.“ – Nach einer weiteren Pause hebt er also neu an:

“Paul Duroy, man mag mir das nicht gerade heraus ansehen, aber ich laufe umher mit einem gebrochenen Herz in Gips. Jaja, das sind jetzt so nächtliche Konfessionsbestrebungen meinerseits. Lauscht man in die Nacht hinein unter die wachen Gestalten in ihr, so durchdringen Bekenntnisse die Dunkelheit und alles jault und wimmert vor Reumütigkeit und Geständnissen. Und meines ist eben, nun lachen Sie mal nicht, das gebrochene Herz in Gips. Mir gefällt der Ausdruck, er könnte von Jean Paul sein. Ja, Sie lachen unter gewissen stillschweigenden Voraussetzungen, Sie Knallcharge, aber lachen Sie nur. Sie können ja einen Text daraus machen, ich bin mir sicher, Ihnen fällt da schon was ein. Am besten betiteln Sie den Text noch exakt so, dann sind Ihnen, ganz wie gewünscht, die WENIGEN Leser doch nun mal ganz sicher gewährleistet, auf welche Sie da letztens noch in einem Ihrer Einträge hingeschielt haben. Noch bescheuerter war doch in Hinblick auf einen Titel damals nur Ihre “Grüne Nachtleiche ohne den neunten Nussknacker“…oder war das letztlich doch von Jean Paul? Sie wissen es ja schon selbst nicht mehr. Es ist ja nun alles dies auch fürchterlich egal, Sie lenken mich noch völlig ab und außerdem hob ich doch gerade an, Ihnen meine Geschichte zu erzählen. Jetzt bin ich ganz erschöpft von all diesen Rodomontaden zu Ihrem Bücherbestand. Dabei sind Sie doch…will sagen: Sie haben ja nicht einmal eine Vorstellung davon, was es heißt, wenn die überschäumende Fabulierlust der “belles lettres“ in die Realität überfließt und die ruppige Leidenschaft einen übermannt und die manischen Musen toben und rasen und Sie winden sich liebestoll in 1000 Nächten, bevor Sie erkennen…und warum sind denn die Frauen so wahnsinnig eifersüchtig auf Nyx?“

“Herr Meimelmoos!! Jetzt halten Sie doch einmal ein. Sie haben mich schon direkt zu Beginn verloren mit ihrer wirren Erzählung. Was wollen Sie mir denn jetzt mitteilen? Geht das klarer?“

Auf dieses Wort hin rauscht Herr Zaghans Meimelmoos im Furor des vor Empörung Erschöpften an mir vorbei, nicht ohne noch im Vorbeigehen eines meiner Bücher aus dem Regal gerissen zu haben, während er ruft: “Die ‚Aufzeichnungen aus dem Kellerloch‘ nehme ich aber noch mit. So einfach kommen Sie mir nicht aus, Duroy. Und Ihre Leser haben Sie jetzt auch enttäuscht. Dann lassen Sie einen demnächst ausreden. Und schreiben Sie gefälligst nicht über Tages-, sondern über Nachtzeitungen.“ Da fällt ihm plötzlich ein Zettelchen aus dem Dostojevski. Er hebt es durchaus neugierig auf, liest ein wenig in dem Briefchen, während ich vor mich hinstammele: “Nun ja. Ein alter Liebesbrief.“, woraufhin mich Meimelmoos anbrüllt: “Dann machen Sie mir und vor allen Dingen doch einmal sich selbst nichts vor, Duroy. Sie haben doch auch geliebt und sicher hat ihr Herz geblutet. Quod sanguis calidum cordis erat, nunc cruor frigus est. Und da wollen Sie mir weismachen…!“

So schnell kann ich nicht schauen, da stapfen trotzig schwere Schritte eilig über das Parkett und knallt schon die Tür ins Schloss, dass meine Katzen irritiert aufschauen und sich wundern, ob sie in einem Traum feststecken oder gerade aus einem erwachen und mich nun auch so anschauen, als sei ich aus einem Traum entsprungen oder ein wacher Geist. Und ich selbst fühle mich auch wie aus einem Traum gefallen.

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Der Weise vom Berg schmust mit den Musen der Nacht, die sich am Ende nur als zwei Katzen entpuppen, die den Schreibfortgang begutachten: oder: Traum ist teuer in Plettenberg

So ein offenes Tagebuch darf ruhig einmal auch etwas Hingeworfenes haben und somit Zeilen ausstellen, die so launisch, wie der Wind durch die Nacht um meine Fenster streift, auch einmal aufs Papier fallen und dort ruhen wie allerlei buntes Herbstlaub auf dem Asphalt. Die Linde vor meinem Fenster rauscht tatsächlich noch und singt mir einen nokturnalen Hymnus als Begleitmelodie. Da greife die Gelegenheit, Dichter. Ich wollte vor wenigen Minuten noch erst gar nicht schreiben. Am Abend, da ja. Dann aber bin ich ermattet eingeschlafen, weil meine Samter-Trias mir wieder alle Energie geraubt hatte wie einige Zudringlichkeiten des Tages und so wurde ich wieder, Vampir der ich sein kann, um 3Uhr wach und griff, obgleich sich ohnehin 35 Bücher auf mein Teetischchen vorgearbeitet haben und sich dort stapeln, warum auch immer einen Heine-Band aus meiner Heinrich-Heine-Werkausgabe im knallroten Taschenbuch von Hanser heraus (beliebiger Zugriff) und las angeregt eine Stunde in seinem Büchlein über Philosophie und Religion in Deutschland. Das erinnerte mich wieder an einen früheren Übergangslehrer im Fach Deutsch, Herrn Weferding, der rabiat alle deutsche Literatur von vor 1945 als brennender Antifaschist und einstmaliger Philosophie-Student der Frankfurter Schule im Grunde kategorisch ablehnte, aber auf Heine große Stücke hielt und dann immer zu sagen pflegte: “Besondere Kennzeichen: Heine“, woraus die illiteraten Barbaren in unserem Deutsch-Kurs den Spruch machten: “Heinrich Heine! Leser: keine!“. Womit die Narren auf lange Sicht Recht behalten haben, bloß dass ich hier mitten in der Nacht sitze und Heine lese aus launischer Verwehtheit.

Aber ich versuchte danach tapfer, mich noch selbst zum Schreiben zu motivieren und die frische Schreiblust des Abends künstlich wieder heraufzubeschwören, mitten in der Nacht, die gerade schon Morgen wird. Oft erklingt mir bei eigener Unlust vor einem Objekt oder einer Erledigung der seltsam motivierende Satz meiner Mutter wieder, den sie mir als Kind immer entgegenwarf, wenn ich zB vor der Schule im Minutentakt meine Unlust auf den bevorstehenden Schultag bekundete: “Keine Lust, aber mußt!“. Seltsam motivierend. Eine nicht weniger strenge Variation dieses Prep-Spruches lautete: “Nach Lust wird nicht bemessen.“

Neben mir kühlt der Kaffee im Glas langsam aus und ich möchte eigentlich noch darüber schreiben, wie willkürlich ich bereits wieder über einen Ortswechsel nachdenke. “Wohnte man ewig an der Elbe, man bliebe derselbe.“, so könnte ein rechtfertigender Spruch dazu klingen. Einerseits zieht es mich wieder in die Metropole, andererseits ruft auch der Berg und die Eremitenreklusion und ich schaue nach Wohnungen in bergigen Gegenden, die nicht in Bayern liegen. Meine Güte, ich habe schon nach Wohnsitzen in Ligurien geschaut. Im Piemont oder in den Abruzzen. Vor einigen Tagen aber fand sich eine Anzeige für eine fabelhafte Wohnung, direkt am Berg auf 240m Höhe, das letzte Haus vorm Wald in einem kleinen Bergweiler mit nur 12 Häusern, im Rücken direkt der Wald und von einem wahnsinnig schönen Wintergarten aus schaut man nur auf Berghänge und das Treiben der kleineren Stadt aus weiter Ferne. Nur spreche ich hier leider nicht von Italien, sondern vom Sauerland. Einige Leser stöhnen auf.

Ich habe als Kind auf den Autofahrten zu Verwandten ins Sauerland, immer schon mich und die Verwandten gefragt, warum die Region so benannt ist. Sind hier denn alle ständig sauer? Von der Laune her hätte es schon ganz gut gepasst: war mir die unverstellt zur Schau gestellte Böswilligkeit meiner ostwestfälischen Verwandtschaft oft schon nicht gemäß, so kamen mir die beiden Sauerländer-Familien aus Meinerzhagen und Kirchhundem immer eklatant mies gelaunt vor. Und hier soll man jetzt selbst wohnen wollen? Aber diese Wohnung…in Plettenberg.

Plettenberg. Da muss man erstmal tief durchatmen. Nicht einmal zwei gute Freunde und eine Freundin aus NRW kannten den Ort auf Nachfrage. “Plettenberg! Da kommt doch Carl Schmitt her!“ habe ich, der ich bislang durch Plettenberg auch nur mit dem Zug gefahren bin, ihnen betont provokant-selbstverständlich entgegengehalten und natürlich wurde auch gefragt, wer Carl Schmitt sei. Muss man ja auch nicht erklären. Ich bin mir selbst fast sicher, dass es in Plettenberg unfassbar langweilig und öde ist. Was mir ja auch gemäß wäre. Die Wohnung jedenfalls und ihre entlegene Lage reizten meinen Willen, doch einmal etwaige Verfügbarkeit zu sondieren und so rief ich den verantwortlichen Makler selbst an und unser Gespräch nahm nach den üblichen Vorstellungsfloskeln folgenden Verlauf:

Makler Wessler: “Rufen Sie aus der Region an?“

Paul Duroy: “Nein, ich wohne an der Elbe unweit Magdeburg.“

Makler: “Was verschlägt einen denn da nach Plettenberg?“

Paul Duroy: “Nun, die Wohnung entspricht einfach meinem Wesen.“

Makler: “Aber Plettenberg?“

Duroy: “Carl Schmitt kommt doch auch aus Plettenberg.“

Makler: “Carl Schmitt?“

Duroy: “Der Philosoph und Staatsrechtlehrer. ‚Nomos und Erde‘?“

Makler: “…“

Duroy: “Jedenfalls gefällt mir die Wohnung doch arg und ich wollte Sie fragen, ob wir dafür eventuell einen Besichtigungstermin vereinbaren können?“

Makler: “Haben Sie denn dort schon Arbeit gefunden?“

Duroy: “Wo?“

Makler: “In Plettenberg?!“

Duroy (etwas unschlüssig, da zuvor nicht belastbar recherchiert): “Ich dachte an einen Job vielleicht in Köln.“

Makler: “KÖLN?

Duroy: “Ja?!“

Makler: “Da pendeln Sie eineinhalb Stunden. EINE Strecke.“

An dieser Stelle geht mir auf, dass natürlich der Makler vor Anberaumung eines Termines deutlich um meine etwaige Seriosität bemüht ist, dergestalt, dass er sicher gehen möchte, ob ich mir ein solches Objekt überhaupt leisten kann. Also erstmal Anforderung der üblichen Formalitäten, Schufa-Auskunft und Lohnnachweis. Ich traue meiner Schufa-Auskunft nicht über den Weg. Ich hasse es, mich um Schufa-Auskünfte zu kümmern. Aber darüber möchte ich um 5Uhr am Morgen auch nicht weiter schreiben. Ein Eremit mag keine Schufa-Auskünfte anfordern, sondern will ruhig am Berg schreiben und weilen.

Aber so ist es eben ein trügerisches Ding mit den Tagträumen und den Konjekturen auf die eigene Zukunft: immer kommt einem etwas oder jemand dazwischen, im Zweifel die Bürokratie oder der Zweifel der anderen am eigenen Projekt oder die eigentümliche Ablehnung der Provinz und schon macht man sich vor allen lächerlich, wenn man sich vorstellen kann, wegen einer bezaubernden Wohnung in Hanglage, ja meine Güte, auch in Plettenberg wohnen zu können.

Der Makler jedenfalls schrieb mir heute, er habe eine Besichtigung “des Objektes“ mit 9 Parteien vorgenommen und projiziert voraus, dass es daher wohl zu keiner Wohnungsbesichtigung dort für mich mehr kommen wird. Wenn überraschend doch, meldet er sich wieder. Ich kenne meinen Trotz. Wahrscheinlich fahre ich am kommenden Wochenende allein schon aus Dickköpfigkeit die fast 540km bis Plettenberg (ein Weg), suche den Bergweiler am steilen Hang und das Haus auf und stelle mir vor, wie es gewesen wäre, dort am Hang zu wohnen und im Wintergarten am offenen Fenster vor Schneelandschaft in einen schweren Plaid gewickelt in mein lederummanteltes Notizbuch zu schreiben, während Thomas Manns “Zauberberg“ zur Zweitlektüre bereit auf meinem Schoß liegt, derweil die Kätzchen sich behaglich auf den Decken auf dem beheizten Fensterbrett drehen und ihr Schnurren mich in seligen Halbschlaf versetzt.

Danach schleppe ich mich wie ein Sack Kartoffeln träge und die lethargisch-machenden Symptome meiner Samter-Trias theatralisch über-inszenierend den hinter dem Haus weiter in den Berghang laufenden Weg hoch und werde mir laut einreden, dass alles das aber doch viel zu anstrengend geworden wäre und noch später dann werde ich beleidigt und vor mich hin schimpfend die Hangstraße wieder hinablaufen und decke mich irgendwo im Ort mit Carl Schmitt-Paraphernalia ein. Dann setze ich mich in ein lausiges Café an einer bestimmt schäbigen und lauten Bundesstraße durch den Ort, wo die misstrauische mittelalte Ladeninhaberin, die “Fremdenzimmer“ vermietet, mich beargwöhnen wird, weil ich mir Notizen mache und dann schreibe ich entweder aus Trotz sehr schön oder gänzlich voller Hass über Plettenberg.

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Ein offenes Tagebuch für die Wenigen—Prolog im Zimmer

Zwischen Pathos und Lethargie in der Äußerung alles Eigenen hin- und hergeworfen findet sich kein anderer Ausweg mehr, als einfach zu schreiben für ein Publikum der Wenigen, das eigene Denktagebuch also offen- und vorzulegen dem wachen Blick und dem scharfen Geist derer, die überhaupt die Mühe des Lesens auf sich nehmen möchten und schon ganz gut verstehen, wenn ich mit dem großen Lateiner sage: “Inter folia fructus“, dass also frei übersetzt sich die fruchtbare Ernte zwischen den Zeilen findet.

Natürlich sind verlässlich die Ungeduldigen zu antizipieren, die sich wieder zu schade sein werden wollen, lange Texte zu lesen, da sie sicher mit ihrer Zeit etwas Besseres anzufangen wissen und es auch mit Nachdruck so bekunden, als ginge es mich ferner an, was sie mit ihrer Zeit Besseres anzustellen gedenken. Das heißt also eigentlich, dass sie sich von vornherein für unfähig erklären, sich zu konzentrieren, aber diese Bürde der eigenen Unzulänglichkeit als Leser wird schlechterdings dem Autoren zurückerstattet, dass er sich verantwortlich fühlen möchte dafür. Solche Leser also werden von mir nicht adressiert, sie werden das offene Tagebuch aber auch nicht aufsuchen, oder wenn, dann bloß dieses eine Mal aus primitiver Neugier, die aber auch nicht befriedigt wird. Etwas daran wird sie per se abstoßen und es ist ein wunderschöner, fast automatisch ablaufender Prozess, dass der ungeduldige Leser den klugen Text flieht wie der scheue Hund die offene Hand.

Was den Autoren betrifft, stellt er sich von hier an aus. Von einem steuerlosen Zeitalter geschunden und verdaut, wird ihm nicht viel anderes übrig bleiben, als nicht mehr mitzureden, sondern bloß zu erzählen oder vielleicht auch ganz anders, bloß die eigenen Gedankengänge ins Licht der Welt zu setzen und gemeinsam mit dem erlesenen Publikum darüber zu staunen oder sich zu langweilen. Gemeinsames Langweilen klingt sogar nach einer Form des Divertissements, aber garantieren können wir dafür letztlich nicht. Es mag also ein jeglicher auf vermeintlich fruchtreiche Spolien ungewiss investierter Lesestunden hoffen.

Das sind ohnehin alles fromme Wünsche für Leser, von denen der Verfasser dieses eher hofft, dass sie schon wissen, warum sie herfinden und wiederkehren. Die wenigen Leser, die nachvollziehen und genießen, werden zurückkehren, denn wir Connaisseure halten viel auf die Loyalität zum mutigen Wort. Es ist dies zugleich das Angebot, meinen eigenen Fluchtraum zu teilen und einzuladen zum Symposium der ungewissen Stimmungen. Was weiß ich denn heute, wer ich morgen sein werde, um wieviel weniger also noch, was ich morgen schreiben werde? Das alles ist so ganz konklusiv auch völlig verantwortungsloses Schreiben, als solches unbeteiligt am Diskurs, unfähig und noch vielmehr unwillig, die Dinge groß zu ändern. Das klingt alles nach Resignation im Schreiben und ist es auch, wenn man es so auffassen will. Auch Resignation durch Schreiben und beim Schreiben. Eine schöne Resignation, die sich gut anfühlt und mitgelesen wird.

Ein offenes Tagebuch ist aber immer auch das offen stehen gebliebene Tapetentürchen zur Schreibwerkstatt des Autoren. Diese Tapetentür führt ins Boudoir des Autoren, man gewinnt dort intime Einblicke und über die Tiefe dieser Einblicke entscheidet allein die Scheu oder der dreiste Entschluss des Lesenden. “Alles das, was man sonst nicht liest.“ Die Paralipomena zum Hauptwerk. Jemand hat das bislang Ausgelassene eingelassen.

Ein offenes Tagebuch für die Wenigen, das keinerlei Verantwortung übernimmt oder auch nur antizipiert auf die schwanke Affektlage des lesenden Publikums. Wo der Autor nicht beabsichtigt, sich zu schonen, wird das Publikum keine Sonderbehandlung erfahren. Gefährlich ist das Lesen in gewisser Hinsicht ja immer. Das Schreiben noch viel mehr. Der Leser sei immerhin dem Erwartungsangebot verbunden, dass der Autor dieser Dithyramben stille Dankbarkeit über jeden einzelnen Leser empfindet. Wer aber sich im Gedankenspiel darüber befindet, dass sein offenes Tagebuch vom Publikum gelesen wird, macht ein solcher sich nichts des Exhibitionismus verdächtig? Das kann schon sein. Jeglicher Leser ist somit konsequent ein Voyeur. So mag das alles gelten, es bleibt mir gleich, denn das eigene Schreiben soll im täglichen Gefecht mit der Wahrhaftigkeit stehen, muss es sogar, nur so wird es hart und aufrichtig.

Das alles wird erwartungsgemäß schwanken zwischen Ekstase und Paralyse und ich werde die Tage hassen, an denen ich nicht schreibe, an denen keine Zeilen wie ein Myzel auf dem Papier oder der digitalen Blankfläche entstehen, an denen mich das Denken also nicht derart maßlos drückt, dass die Schrift aus mir drängt, als würde mein Autoren-Behältnis “Ich“ hart gepresst vom Daumen einer höheren Macht, als sei ich selbst Schreibwerkzeug. Wie also bete ich zugleich herbei Tage meiner eigenen scheiternden Affekthygiene, Tage des Zorns und Tage des inneren Reißens, Nächte der Angst und Nächte der unbesonnenen Projekte und Konjekturen meines besseren Ichs, bevor da wieder Zerknirschtheit an den Umständen und “down to the soil-lows“ mich in Zaum halten und ins Benehmen setzen. Aber wie werde ich rasen und schreiben zuvor!!

Vielleicht ist aber so ein offenes Tagebuch auch eine Schrift für Schreibende und vielleicht kann es auch nur das sein. Ein Mutschatz, falls es bei den lesenden Schreiberkollegen mal stockt im Schreiben. Welcher profane Leser denn auch wollte sich einer solch monströsen Lektüre bloß hingeben wollen? Solche Texte sind dem bloß Lesenden wohl ohnehin eher Einladung zur Abreise. Er oder meinetwegen auch sie fühlt sich nicht mitgemeint, entwickelt schnell beleidigte Allüren und später kommen dann Sätze wie “Ich habe irgendwann aufgehört, das zu lesen.“ oder kalkuliert perfide, eindringlich wie eine Speerspitze ad hominem: “Ich habe irgendwann aufgehört, Dich zu lesen!“ Ich freue mich jedesmal über diesen Satz aus den Mündern derjenigen, aus denen zu fallen er zu erwarten war. Der Weg der Leser hin zu meinen Texten soll mir zu jeder Zeit ein Nadelöhr sein, kein Scheunentor. Mich verlangt es nach schreibenden Lesern.

Machen wir uns nicht die Illusion, dies vielleicht als stillschweigende Unterschrift zum teuflischen Kontrakt zwischen Leser und Autor, dass die Wahrhaftigkeit hier derart fröhliche Urständ feiert, dass die Wahrheit allzeit mit dem Lautsprecher durch die Räumlichkeiten zieht wie der Elephant durch den ebenso sprichwörtlichen Porzellanladen. Die Wappenembleme des Dichters, im Grunde eines jeglichen Schreibenden sind durchweg immer das schallende Horn sowie der sprechende Mund als Signatur der Veritas (die häßliche Schwester der Wahrheit ist übrigens das vulgäre Zursprachebringen des Offensichtlichen, die aber dem Dichter nicht weiter zugewandt ist, zum Glücke) und ein kleingewachsener Pinocchio, der sich scheu am Rockzipfel der Veritas verbirgt, vielleicht sogar darunter. Will sagen: wenngleich es sicher nicht der sonderlichen Erwähnung bedarf, dass man nicht jede umlaufende Münze für bar nehmen soll, so lässt sich doch bei allem etwas denken und mit welchem Maß man sein Wahr und Falsch an alles anlegen mag, bleibt jedem selbst überlassen. Das aus wilder Liebe gezeugte Kind zwischen Wahrheit und Lüge (welche letztere wir freilich viel großzügiger und erwartungsfroher “Dichtung“ nennen wollen) ist die Vermutung, suspense. Wer übrigens an dieser Stelle schon schimpfen mag, sei umgehend darauf verwiesen, dass ich doch gerade erst angefangen habe…zu schreiben. Üben Sie sich in Geduld, für immer…Sie werden sie brauchen.

Die Figur des Autoren im offenen Tagebuch ist also auf einer grausamen Diagonalen der Zumutung zugleich minimal fiktiv und maximal authentisch. Diese Spannung auszuhalten ist für viele Leser ein Grauen und ich will es ihnen so leicht wie möglich machen (also ziemlich schwer) zum Autoren vorzudringen und doch werden sie ja alles verstehen in ihrer beflissenen Lektüre dieser Zumutung.

Ein einem Publikum zugemutetes Tagebuch wirkt seltsam. Ist es nicht gerade das Privatissimum, dass der Autor anstrebt, wenn er oder sie ein Tagebuch führt? Die Auseinandersetzung einzig und allein mit sich selbst im Schreiben als ehrlichste Form der Begegnung? Wie kann man das ausstellen wollen? Aber immer auch weiß der Autor eines solchen um die Kollateral-Leserschaft, die er antizipieren kann in der Zukunft, in welcher er nicht mehr selbst physisch über seinen Schreibschatz verfügt. Ein Tagebuch enthält immer die ein wenig stillschweigende Leseerlaubnis für die Nachwelt. In unserem besonderen Falle eben öffnet der Autor sein Tagebuch schon zu Lebzeiten dem geneigten Leser, welcher wiederum staunt oder aber sich fragt, ob da denn wirklich alles entblößt wird, was zu entblößen ist, Voyeur, der er ist (der Leser).

Da ohnehin in gewisser Hinsicht jeder Text eine Flaschenpost darstellt, bei der ungewiss ist, ob sie je zu einem Leser findet und auch welchen Leser sie findet, so mag es auch diesem Werksvorhaben nicht anders ergehen. Texte als Trouvaille, ins Ungewisse geschrieben, in den Fluss geworfen und dann mag sich melden, wer es gelesen hat. Ein eitles Unterfangen. Es besteht kein Meldezwang beim Fund des Textes, welcher Absender einer Flaschenpost zB forderte ernsthaft noch das Pfandgeld vom Finder derselben wieder ein, sollte er sein Geschriebenes zuvor in einer Pfandflasche dem launigen Wellentanz übermittelt haben? Es muss reichen mit der Ungewissheit zu leben, dass man sein Geschriebenes in den Fluss geworfen hat und der schwankende Zufall der Wellen und das verworfene Dahintreiben des Fläschchens dazu führen mögen, dass jemand womöglich noch Jahre später diese Texte auffindet. Und doch finden die Texte den Leser, den sie finden sollen.

In den Texten wird nicht wesentlich erzählt. Im Hochdeutschen fehlt uns ein Wort für das Erzählen, dass im plattdeutschen Dialekt meiner westfälischen Heimat gang und gäbe war und sich auch im Niederländischen noch findet, das “vertellen“. Dies bedeutet im Grunde einfach erzählen. “Ik wüll ju wat vertellen.“, ich will dir etwas erzählen. Aber dieses “vertellen“ lässt mich wünschen, es gäbe im Deutschen die Vokabel “verzählen“. Ich will ein wenig verzählen. Nicht quantitativ aufgefasst, dass man sich verzählt, sondern dass man etwas verzählt. Man (v)erzählt, und lässt sich dabei vom eigenen Parlando hinfort treiben und da es im Rahmen des Tagebuches geschieht, so lässt man völlig Leinen los und das Steuerrad zugleich und peilt nach dem Wind. Man verzählt, man erzählt also auf eine Art und Weise, die keinen Anspruch mehr stellen darf oder will auf eindeutige Aussagekraft oder direkte Zugänglichkeit, sondern im Verzählen liegt bereits das Schreiben im Fluss, im stream of consciousness. Alles gleich beliebig und gleich wichtig. Über das Drehen und Wenden des Schreibens entscheidet der Autor und dann wieder nicht. Die Nabelschau des Schreibenden gerät im offenen Tagebuch zum Auspizienlesen mit der Leserschaft als Auguren.

Der Rückenwind des Schreibens, die Inspiration als Einhauchen und Beseelung des Schreibenden, damit verhält es sich ja gleichfalls launisch. Jeder schreibt unter anderen Konditionen schwere Zeilen in die Welt: der eine wird von der Muse liebkost in brennenden Nächten, beim anderen klingelt der Gerichtsvollzieher im Morgengrauen an der Tür und tut im Hausflur laut sein Anliegen kund, dass man ihn fragen möchte, ob er noch ein Megaphon gereicht möchte und doch finden sich beide dem Schreiben verbunden (der Gerichtsvollzieher dagegen versteht sich allein auf die fadenscheinige Prosa der exekutiven Bürokratie). Im besonderen Falle des öffentlich ausgestellten Tagebuchs inspiriert womöglich der Kitzel der Beobachtung durch die messerscharfen Argusaugen einer ungewissen Leserschaft.

In meinem alten Blog habe ich vor Äonen der Ratlosigkeit eine Lanze gebrochen und es gehört ein Stück weit Schisma mit dem eigenen Selbstverständnis dazu, in dröhnendem Pathos so lethargisch zu agieren, der Ratlosigkeit das Wort zu reden. Und doch sei mein Schreiben dahingestellt. Wenn ich schreibe, spricht mich etwas an, von dem ich nicht weiß, ob es meine eigenen Gedankengänge sind, ein Wiederkäuen wochenlang gewundener Gedanken oder ein An-Spruch aus transzendenten Räumen oder eine Eingebung von wer weiß woher. Ich staune, was aus mir schreibt und dringt und eruptiert wie Magma und der Leser staunt ebenso. Es ist all dies zugleich ein verstohlener Einblick in die Schreibwerkstatt, ein maximalinvasiver Vorgang gleich einer Operation am offenen Herzen: der Autor schreibt fast ungefiltert im Tagebuch und wir schauen ihm über die Schulter ins Herz.

Ich habe an die Geduld des Leser appelliert…

…nächstens mehr…

Die Systemfinsternis oder: Von der Zufälligkeit zum Narren gehalten

‚Das einzige Mittel im Kampf gegen die Pest stellt die Aufrichtigkeit dar.“

Albert Camus, Die Pest

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Bevor ich mit diesem Text doch wirklich erheblich ausholen möchte in Bezug darauf, was “die Corona“ bzw eben Covid-19 für das gesellschaftlich-kapitalistische System bedeutet und welche Implikationen und Konsequenzen der von allen in Echtzeit erlebte (und zumindest temporäre) System-Kataklysmus hat, möchte ich zunächst ein wenig über das Private den Einstieg in diesen Text wagen. Dies ist vielleicht auch deswegen repräsentativ von Interesse, da ich den Text bereits vor knapp 2 Wochen begann, damals noch eher auf das Private gewendet und im eher witzigen selbststilisierenden Duktus, was sich dann aber tatsächlich, wirklich komplett unbewusst, von Arbeitsgang zu Arbeitsgang am Text mit der Verschärfung der Verhältnisse änderte. Ich habe einen kleinen Teil des Einstiegs in den Ursprungstext daher als authentisches Zeitdokument der eigenen, noch ziemlich unklaren Position zu Beginn der Krise beibehalten und dann den Schwenk gemacht hin zu dem, was mir ungleich wichtiger erschien inzwischen als meine individuell-intellektuelle Prosperität aus der Lage.

Man möge daher auch die sich aus all diesen hehren Bestrebungen und Parerga ergebende monumentale Textlänge nicht schon gleich zu Beginn wieder kritisieren, denn seien wir doch mal ehrlich, lieber Leser, machen Sie sich bloß nichts vor: Sie haben ja jetzt genug Zeit und bislang hat sicher keiner meiner Texte der Langeweile mehr Land hinzugewonnen! Und auch wenn ich sonst deutlich davor scheue, über “Mode“-Themen zu schreiben, so wäre es ja in dem speziellen Falle dieses Virus nachgerade blasiert, mich dem Diskurs einer solch chancenreichen Krise nicht nur zu entziehen, sondern zudem ihm nichts hinzuzufügen.

Ja. “When the shit hits the fan!“, wie die Amerikaner so schön sagen: wenn die Scheiße den Deckenventilator trifft…das ist so ungefähr die jetzige Situation, da die Weltgesellschaft sich selbst ganz neu kennen lernt und lernen muss. Das neue Stichwort lautet vorerst “Social Distancing“. Gefordert wird der Eremit, der Einhäusler, der Reisende im Zimmer. Ich weiß, dass Freunde und Bekannte des Autoren mittlerweile grinsen, denn sie ahnen bereits was folgt: für den Schreiber dieser schweren Zeilen ändert sich also aber auch mal so gar nichts, aber auch kein Jota, in seinem Leben. Dem Soziophoben wird durch anbefohlenes Einhäuseln nichts weggenommen. Der Zustand generiert nichts, was selbiger nicht ohnehin schon gut genug kennt. Eine ganze Welt spielt sich in seinem Innern (und da allein) ab, da braucht er nicht noch andere oder Events oder Räume, in denen er sich mit anderen trifft. Jede soziale Anfrage durch Dritte ist dem Soziophoben eh schon zuviel und tatsächlich ein “Attentat“ auf die von Tag zu Tag unterschiedlich schwer zu erlangende Seelenruhe (insofern wissen unschuldige unternehmungs- und einbindungsfreudige Bekannte gar nicht, was sie einem antun mit dem aktivitätenanspornenden Satz “Ich habe ein Attentat auf dich vor!“.) Alle Selbststilisierung mal beiseite genommen, verhält es sich doch so, dass der Soziophob aufblüht, wenn alle sozialen Aktivitäten um ihn herum einfrieren und ständiges Händewaschen zur Ansteckungsprophylaxe ist dem Neurotiker mit Waschzwang nun wahrlich nichts Neues.

Es verwundert mich daher auch nicht weiter, dass ich mich in den letzten Wochen so fühle wie die von Kirsten Dunst gespielte Protagonistin Justine in dem genialen Lars von Trier-Film “Melancholia“, zu dem ich vor Jahren eine begeisterte Rezension auf meinem alten Blog schrieb (die ich peinlicherweise nicht mehr wiederfinde).

Dort verhält es sich jedenfalls so, dass es der im routinierten Vorleben extrem depressiven Justine im Angesicht der Apokalypse durch die bevorstehende Kollision der Erde mit einem Eisplaneten von Tag zu Tag besser geht und sie dem “rising to the occasion“ unterliegt, sie also perfekt angepasst ist an die neuen Bedingungen menschlicher Existenz, gerade durch ihre psychische Disposition, die auf Katastrophe und Untergang eingestellt ist. Zwar bin ich wahrlich nicht gerade depressiv, aber zumindest doch indolent gegenüber den Wirren einer oft allzu betriebsamen Welt. In den letzten Tagen dagegen geht es mir sehr gut. Alle kommen da an, wo ich mich schon seit Jahren befinde und mein Lebensmodell  sowie inklusive das entsprechende Mindset kommen zumindest für den Moment zu ihrem Recht. Nicht wiederum, dass mir dieses allzuviel bedeutet, es verbreitet allerdings einen behaglichen Komfort in meinem Geist, nennen wir es so. Die “splendid isolation“ also als neuer Zeitgeist für den Moment.

Aber nun zur Sache. Das Besondere an der neuen Corona-Krankheit scheint ihre willkürliche Plötzlichkeit im Auftreten, gekoppelt mit der gegenüber der normalen Grippe vergleichsweise hohen Letalität und dem exponentiellen Wachstum ihrer Verbreitung. Für den Moment also der ideale Cocktail für eine Pandemie der Panik. Noch vor ca. 2 Wochen hielt ich das Ganze auch eher allein für eine Pandemie der Hysterie als der Hygiene und steckte im Irrglauben, das Thema sei vielleicht bloß für den Moment im vollen Hype des News Cycle ein veritabler Scheinriese. Ein bewährter News-Grinder in den panikgetriebenen Medien, der ein paar Tage lang alles sonstig Vermeldete überlagert, der aber nach einigen Tagen derart abflachen würde, dass man sich irgendwann plötzlich fragen würde: “Was wurde eigentlich aus diesem schrägen Corona-Virus, wo alle erst diese Panik machten?“. Ist ja oft so, dass bestimmte Themen irgendwann so sang- und klanglos untergehen, dass man das Gefühl hat, es ist den verantwortlichen Medien peinlich zuzugeben, dass da im Grunde die gesamte Zeit über Schaum in ein Thema geschlagen wurde, dahinter nichts Wesentliches steckte und man sich nun nicht mehr traut, das auch zuzugeben und das Thema derart stillschweigend absaufen lässt. Zwar tritt selbst bei gravierenden Themen mit dem Maß an fortschreitender Zeit eine Art von Info-Sättigung ein, was wohl selbst bei der Sensationalität einer Zombie-Apokalypse mit zunehmender Zeit der Gewöhnung daran der Fall wäre, aber im Falle des Covid-19 hat sich dieses sonst so häufige Abnutzungsphänomen dennoch nicht eingestellt. 

Man bemerkt, dass sich bei der Corona-Panik eine diffuse Angst an und aus sich selbst nährt und sich so permanent vergrößert und alles: Bürger, Regierungen, Wirtschaft, Gesellschaftsbetätigungen in ihren Sog einzieht und das Maß an Panikadoption eskalieren lässt. Die Corona-Problematik stellt eine Vertrauenswette auf das bestehende System dar mit unklarem Ausgang in alle Richtungen. Weil das ganze Ereignis zugegeben nur die Beta-Variante einer globalen Pandemie darstellt (mehr dazu unten) und nicht ganz die ausweglose Drastik entwickelt, die eine voll skalierte (Zombie-) Epidemie entwickeln würde, können vereinzelte zeitgenössische Betrachter zur nüchtern-zynischen Kommentierung des “Spektakels“ schreiten. Das Ganze wirkt jedenfalls wie ein gigantisches Freiluftexperiment mit der Erde als In-vitro-Schale.

Ich möchte aber zunächst zur Herleitung einer Metapher für die diesem Text im weiteren Verlauf unterliegenden Prämissen das Beispiel einer ganz anderen Corona bemühen. In der Astronomie bezeichnet die Corona die hell ionisierende Plasma-Außenhülle der Sonne, die sonst nie sichtbar ist. Selbige ist allerdings ausnahmsweise mit dem bloßen Auge zu erkennen, wenn es eine absolute Sonnenfinsternis gibt: schiebt sich der Mond dann zwischen Erde und Sonne, sehen wir diesen als gewaltigen Schattenball (die Umbra) vor der gesamten Sonne stehen und von selbiger bloß ihren hell leuchtenden Strahlenkranz (den man normalerweise niemals erkennen würde), die Corona. Metaphorisch möchte ich mir dieses astronomische Phänomen nutzbar machen, um die derzeitige Auswirkung des Covid 19-Virus auf Wirtschaft, Politik und Gesellschaft darstellen zu können und zwar möchte ich dafür den Begriff der Systemfinsternis einführen. Die Krankheit Corona erlaubt uns den direkten Blick auf die Umbra, den tiefdunklen Kern des Systems, in dem wir sonst implizit und ohne Brechung leben, also die Schwachstellen unseres Lebenssystems im 21. Jahrhundert. Wie in einer Sichtumkehr im Negativbild bei älteren analogen Photoverfahren wird das Dunkle hell und das Helle dunkel. Wir sehen zudem den irisierenden Kranz des Systems, den hell aufleuchten Saum des Ganzen, die Corona…was aber ist die Corona in der Metapher?

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“Only when the tide goes out you discover who’s been swimming naked…“

An dieses legendäre Zitat des so umstrittenen amerikanischen Großinvestoren Warren Buffet muss ich derzeit auch im Sinne der oben eingeführten astronomischen Corona-Metapher denken, wenn ich das Weltgeschehen betrachte. “Erst wenn die Ebbe kommt, erkennt man die, die nackt geschwommen sind.“ Das hat tatsächlich was von “Des Kaisers neue Kleider“, wie neulich auch schon jemand irgendwo schrieb: “Der Kaiser ist ja nackt!“ oder eben übertragen: “Ach, guck mal?! Das System ist ja im Arsch!“

Sämtliche misslichen Zustände im kapitalistisch geprägten Gesellschaftssystem werden sichtbar durch die Corona. Auch erinnert das Ganze so ziemlich an frühere Discoabende, wenn plötzlich kurz vor Ende der Party grell das Licht anging und alle, die im roten Licht noch verboten schön aussahen, im überstrahlten grellen Glanz häßlich und ausgewaschen erschienen.

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Es liegt nun vor dem Hintergrund der noch vor Wochen völlig undenkbaren und so heftigen Veränderungen ganz klar auf der Hand, dass das 21. Jahrhundert nunmehr endgültig begonnen hat. 9/11 und die Weltfinanzkrise von 2008/09, der Syrienkrieg und Russlands Annektion der Krim 2014, die Eurofinanzkrise ab 2011 und die zunehmende Flüchtlingsproblematik: das alles waren und sind im Vergleich nahezu lapidare Ereignisse in Bezug auf die Langfristigkeiten ihrer Konsequenzen für das System, (wenngleich in der Zwischenzeit sie alle im Hintergrund weiter geschwelt haben und schwelen und weiß Gott nicht “erledigt“ sind und additiv auf das System einwirken und es graduell erodieren lassen). Das neoliberale globalisierte System des Kapitalismus hat bislang an allen genannten Ereignissen des frühen 21. Jahrhunderts kaum Schaden genommen bzw besser: keinen sichtbaren Schaden erlitten und die Folgen zu verstecken gewusst. Nach der Finanzkrise von 2008 zB drehte die Weltwirtschaft, auch im Zuge der propagierten Digitalisierung der Weltmärkte, sogar in einer Art und Weise noch auf, die beängstigend anmuten musste.

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“Nicht erst die Wall Street, sondern bereits ein Geflügel- und Reptilienmarkt in Wuhan ist in der Lage, die Weltwirtschaft tiefgreifend zu lähmen.“

Prof. Gregor Putensen in einem Leserbrief an die Junge Welt vom 14.3.2020

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Das Covid-19-Virus verhält sich zum bestehenden System wie der 2001 von dem US-Autoren und Börsenspezialisten Nassim Nicholas Taleb eingeführte “Black Swan“, eine Metapher für das völlig kontigente und verheerende Einbrechen einer Unvorhergesehenheit in ein bestehendes und bis dahin funktionales System. Noch vor dem gleichnamigen Buch hatte Taleb dabei in seinem 2001er-Werk “Fooled by Randomness“ (was im Übrigen wirklich DER perfekte Titel für die gegenwärtige Krise des Systems vor dem Hintergrund von Corona wäre) das Konzept des “Schwarzen Schwans“ in Umlauf gebracht. Dabei sollte modifizierend betont werden, dass dieser Virus im Vergleich auf keinen Fall “The Big One“ ist, sondern bloß ein Schmusetierchen einer Pandemie darstellt, wenn man sich einmal vor Augen führt, wie es wäre, wenn ein ähnlicher Virus bei gleicher oder sogar deutlich höherer Rate der Letalität ALLE Altersgruppen treffen könnte (also einer verheerenden Letalität vergleichbar der “Schwarzen Pest“ des Mittelalters), also auch Kinder und Jugendliche, Menschen unter 80 Jahren, wirklich dahinraffen würde…dann wäre das Geschrei aber groß und man würde nicht mehr ganz so beherzt über “Durchseuchung“ und schnell zu erwerbende darwinistische “Herdenimmunität“ (wie in Großbritanniens Strategie der “Bekämpfung“ des Virus) sprechen. Sobald Kinder sterben, geht den Leuten die Düse oder natürlich auch, wenn man selbst Opfer werden könnte.

Das Maß an Radikalität der Bekämpfungs- und Eindämmungsmodi in Bezug auf den Virus verrät eben auch (selbst wenn man in der selig-besserwisserischen Rückschau später die ein oder andere derzeit getroffene radikale Maßnahme zur Eindämmung bezweifeln mag), wie wir mit der älteren Bevölkerung (und zB Menschen aus Risikogruppen) umgehen wollen (darwinistisch versus solidarisch) und vermitteln uns so auch den Stand des Menschenbildes, ob es ein progressives ist oder der darwinisierende Kapitalismus sein in den letzten Jahren propagiertes und vor allen Dingen auf den Neuen Märkten sexy gewordenes Modell der “Disruption“ nunmehr auch unwidersprochen auf das Menschenbild übertragen darf. Kurz gesagt: alles andere als Rücksichtnahme auf die betroffenen Gruppen wäre zutiefst unmenschlich. Da ist es auch egal, ob man viele Rentner völlig sorglos durch die Gegend laufen sieht oder nicht. Wir müssen so handeln, dass jeder Mensch gleich welchen Alters gleichviel wert ist. Traurig, dass man das schreiben muss, aber man muss es schreiben, denn in vielen unbedachten Äußerungen liest oder hört man derzeit im Grunde den frisch-fröhlich gedachten Tenor: “Es sterben ja eigentlich nur die Alten!“ heraus. Denn inzwischen hat noch der letzte Nachrichtenignorant mitbekommen, dass die Letalität bei Covid-19 bei ca. 4.15% liegt, von denen die meisten Menschen über 80 plus sind (oft mit vorlaufenden Atemwegskrankheiten) oder auch, wenngleich nochmal deutlich seltener) jüngere Menschen mit Komorbidität auf bestehende respirativ-obstruktive Krankheiten (also Atemwegserkrankungen wie Asthma, COPD und dergleichen) oder Immunkrankheiten, Diabetes, etc.

Und selbstverständlich kann man zur Verharmlosung dieser beschleunigten “natürlichen Tode“ 1000 sicher irgendwie gut gemeinte beruhigend-optimistische Statistiken zur Kompensation dagegenhalten (Grippetote, Unfalltote, Anzahl der Neugeburten pro Tag auf der Erde, etc.) Das Ding ist aber auf den zweiten Blick, dass der einzelne Sterbende, sei es ein alter Mensch oder ein vorbelasteter Kranker mit Atemwegserkrankung, der oder die in dem Falle auch 15 oder 20 Jahre alt sein kann, eben qualvoll sterben muss und deshalb ungern als statistische Ausfallgröße für kühl-souverän wirken wollende Statistikliebhaber herhalten mag. Außerdem müssen die Regierungen der Öffentlichkeit solche Totenzahlen überhaupt erst einmal vermitteln (wie derzeit Italien, wo allein heute, am 20.3.2020, zum Zeitpunkt des Schreibens an diesem Text knapp 650 Menschen verstarben. // Update: während ich diesen Text am 21.3. zu seinem Ende bringe, werden die Totenzahlen aus Italien für heute vermeldet: knapp 800 Tote). Es ist lange her (und zwar seit dem Zweiten Weltkrieg), dass man sich zur Verlautbarung solcher Totenzahlen pro Tag für ein europäisches Land gezwungen sah. Und man sieht ja in Italien, wie kurz vor dem Kollaps Regierung und Regionalverwaltungen stehen im Umgang mit dieser Katastrophe und die Bilder aus den Kliniken dort. Eine Minute lang sich mal so einen Behandlungsraum in Italien anschauen im Video, empfehle ich! Wer dann noch leichtfertig von “Herdenimmunität“ sprechen mag…naja. Außerdem: wenn vergleichbare Sterberaten erstmal in Deutschland “ankommen“, ist das Heulen und Zähneklappern aber groß, warten Sie das mal ab. (Ich spare mir eine Vignette über eine sehr persönliche und extrem bizarre Begegnung mit einer panisch-aggressiven Frau heute morgen beim Bäcker an dieser Stelle und werde Sie höchstens in meinem “Hausblog“ zum besten geben. Für alle Leser also hier: Verweis auf nächstes Mal!)

Zugleich nervt an dieser Mentalität der Sorglosigkeit in Bezug auf das Social Distancing auch bei den weiter frohsinnig agglutinationswilligen Menschen a.k.a “Social Spreaders“, wie ich sie mal nennen möchte, dass hier strukturell das gleiche Verhalten an den Tag tritt, das auch die Vielflieger in Klimawandelzeiten (den gibt es natürlich weiterhin) mit ihrer vermeintlichen und natürlich völlig zwecklosen “Flugscham“ an den Tag legen, nach dem Motto: “Ich fliege zwar, aber ich schäme mich natürlich schon ein bisschen dafür“, eine Haltung, die weder dem Klima etwas bringt noch zur Aufrichtigkeit der eigenen Gesinnung etwas beiträgt, jedenfalls: den Menschen, die sich unverantwortlich zusammenklumpen auf öffentlichen Plätzen oder bei Corona-Partys, gebühren schallende Ohrfeigen, denn für ihr vermeintliches Recht auf Instant-Spaßvollzug der Bürger einer “freien Gesellschaft“ sind sie bereit, humanistische Werte zu opfern. Auch wenn der Autor sonst NIE mit Merkel übereinstimmen würde, hier hat sie recht: die Lage ist zumindest ernst und ein entsprechender Ethos des Verzichtes im Sinne eines “höheren Gutes“, nämlich der eigenen und der Gesundheit der Mitmenschen, sollte entwickelt werden. Man fühlt sich stattdessen dem Gestus des ostentativ cool-entspannten Katastrophen-Rezipienten verpflichtet, weil man noch nicht begriffen hat. Apokalypse to go, sozusagen. Zumal es jetzt auch mal an der Zeit ist, so einiges am eigenen Verhalten und am Lebenssystem zu ändern und damit möchte ich zurückkommen auf die Corona-Metapher und was der Virus freilegt.

Natürlich will man jetzt aber auch nicht den Menschen pauschal das Lachen verbieten. Die puristische Einstellung von der Gegenseite, jetzt nicht mal mehr lachen zu dürfen hier und da, oder Satire zum Thema verbieten zu wollen oder sogar es unangebracht zu finden, die Corona-Krise als je individuelle Verschnaufpause zum kapitalistischen Zwangssystem wahrnehmen zu wollen, ist natürlich genauso unsäglich in ihrer starren Grundhärte. Denn darum wird es mir für den weiteren Verlauf meines Textes zu tun sein, die Krise als Chance zu sehen und zu nehmen, vorsichtig ein bisschen die Systemfinsternis zu betrachten, sowohl den schwarzen Fleck all dessen, was schon seit langem schief läuft und was wir abschaffen und ändern müssen als auch die irisierend leuchtende Corona, die Chance auf ein gesellschaftlich-soziales Miteinanderleben, wie es auch sein könnte, wäre man nur mutiger.

Nun war es ja schon bei der Weltfinanzkrise 2008 so, dass man dachte, wenn diese durchstanden sei, dann wäre man klüger und es würde nie wieder zu Exzessen an der Börse kommen oder zu astronomischen Managergehältern oder Monopolbildungen, eine sozialistische Gesellschaft würde Einzug halten oder zumindest der globale Neoliberalismus rückabgewickelt, aber…das absolute Gegenteil war der Fall. Zwar gingen einige Banken und Versicherer “zu Bruch“, aber im Wesentlichen wurde das Finanzsystem nicht bloß konserviert, sondern bekam durch die Rettung und Sanierung auf Staatskosten sogar genug Zeit zum Rekonvaleszieren und wurde wieder aufgepäppelt, um bereits kurz danach fröhliche Urständ zu feiern. Alles ging genau so weiter wie zuvor, nur exzessiver und schlimmer, denn jetzt war in noch gesteigertem Maße die Mobil-Digitalisierung der Gesellschaft hinzugetreten und gab dem wie Phönix aus der Asche entstiegenem Kapitalismus einen völlig ungeahnten Konsum-Boost und willkommene Ablenkung der Massen inklusive.

Aber es musste allen klar sein, dass dieser Kapitalismus 4.0 (oder was auch immer an Zahlenmystik) ein veritabler Rohrkrepierer beim nächsten “Black Swan“ sein musste. Ein System, das nun schon seit 12 Jahren mit Nullzins belohnt wird und das Geld “druckt“ wie auf Bestellung und so also mit reinem (monetarischem) Adrenalin vollgepumpt wird Tag für Tag, muss kollabieren, sobald dieses System auch nur einmal wesentlich zB durch ein Störelement zur Ruhe kommt (ein solches Momentum ist überhaupt gar nicht vorgesehen im Turbokapitalismus). Die moderne globalisierte Weltwirtschaft ist ein maximaldynamisches digitalisiertes Perpetuum mobile mit Raketentriebwerk. Wenn selbiges doch einmal anhält (es darf vieles, aber nicht innehalten), steht der Kollaps kurz bevor. Man darf dabei jetzt schon prophezeien, selbst wenn in ungewisser Zeit der invasive neoliberale Kapitalismus dank staatlicher Garantien und Steuergeldbezuschussung wieder erholt oder noch kraftmeierischer aus alledem auftaucht (zB aufgrund von Nachholkonsumeffekten und “Relief Buyings“) : die Rettungszyklen und imgleichen die Rettungsnachhaltigkeit gegenüber Black Swan-Ereignissen wird immer kurzfristiger werden, bis das System ganz kollabiert. Es wird von mal zu mal teurer und unmöglicher, dieses System bei einem Crash zu retten. Die Solidarität für und unter den Bürgern ist nach einer jeden solchen “Rettungsaktion“ für die Finanzindustrie weiter erodiert.

Nun, zu dem Thema muss ich die geduldigen Leser vorerst aber nun wirklich auf meinen bald erscheinenden Artikel “Marx, auf die Füße gestellt“ (den ich schon begonnen hatte, bevor Covid-19 jetzt alles zum Explodieren brachte) verweisen, sonst sprengt das hier endgültig alle Grenzen.

Nur soviel sei gesagt: wir müssen diese Krise diesmal wirklich dazu nutzen, den Turbokapitalismus rückabzuwickeln und dem Ideen aus dem Lichtschein der Corona (jetzt wieder die astronomische Metapher des Anfangs) entgegensetzen. Denn was ist denn nun eigentlich “das Helle“, die ionierende Plasmahülle, die oben erwähnt wurde, das eher optimistische Takeaway aus alledem? Denn Optimistisches muss der Krise entgegengesetzt werden, sonst erhalten wir kostenlos unser Entrée-Billet zum Heiligen Wahnsinn und das muss ja nicht sein.

Es muss ein Zurück zum Wohlfahrtsstaat erfolgen und zwar unter der Auszahlung eines bedingungslosen Grundeinkommens. Klar sind jetzt viele neoliberale Leser deutlich zusammengezuckt bei dem Wort “Wohlfahrtsstaat“, aber im Übrigen ist exakt das der Begriff, den niemand sonst als der marktradikale Elite-Zögling Emmanuel Macron vor einigen Tagen in Angesicht der Krise gewählt hat, als er behauptete, dass Frankreich ab sofort ein “l’etat providence“ (also eben ein Wohlfahrtsstaat) sei (den er all die Jahre zuvor in einem von ihm diktierten Diskurs gegen die französische Bevölkerung radikal abgeschafft wissen wollte). Dabei hat ja gerade die Abwicklung desselben durch Regierungen überall auf der Welt in all den Jahren zuvor überhaupt erst dafür gesorgt, dass zB auch und gerade die Gesundheitssysteme durch die ihnen aufdiktierte Rationalisierung und Privatisierung ausgehöhlt und bedeutend geschwächt wurden. Die Folgen aus alledem sehen wir jetzt in der misslichen und bereits wegbrechenden Versorgung der erkrankten Bevölkerung in den westlichen Ländern. Und dann sollen wir noch das Bail-Out betreiben für die Eliten, die uns das überhaupt erst eingebrockt haben (wie konnte zB die komplett hirnverseuchte neoliberale Bertelsmann-Stiftung, die ohnehin von NICHTS eine Ahnung hat, ungestraft “nach Expertenansicht“ fordern, in Deutschland könne man locker von den knapp 1400 Kliniken und Krankenhäusern so um die 800!! aufgrund von struktureller “Überversorgung“ bedenkenlos schließen, wenn man JETZT liest, dass Gesundheitsminister Spahn in Not geratene Krankenhäuser mit ALLEN Mitteln und Milliardensummen retten will?!) und noch härter arbeiten für noch weniger Geld, damit die Quasi-Rentiersversorgung der oberen Schichten aufrechterhalten bleibt und die Aktionäre weiter lächeln können.

Die Banken und generell Finanzinstitutionen und die großen Unternehmen werden natürlich allesamt wieder herausgehauen mit Steuergeldern, the Big Bailout und eine inverse Umverteilung nach oben, was ja mit zunehmender Frequentierung dieses Notmittels mehr und mehr nur noch auf Sicht klappt und später weiteres reingepumptes Geld als Liquiditätsspritze erfordert (siehe oben). An dieser Stelle übrigens einmal eine Erwiderung auf einen guten Freund, der mir per Mail schrieb, dass er gelesen habe, dass der Staat nun vorhabe, Unternehmen zu verstaatlichen und dass ich mich da doch freuen müsste über derlei sozialistisch-etatistische Bestrebungen. Ich freue mich null. Eine Verstaatlichung in einer neoliberalen Demokratie  sieht so aus, dass der Staat das Unternehmen unter seine spendierfreudigen Fittiche nimmt wie eine Glucke ihre Küken und sie dann später durch Steuergelder gestärkt und re-privatisiert wieder mit frischen Kräften auf dem freien Markt walten lässt, während sie anderenfalls unter den darwinistischen Gesetzen eines wirklich frei zu denkenden Marktes  schon längst zersprengt worden wären. Ich habe im Übrigen wirklich null Mitleid mit all den Big Companies, die über Jahre die große Disruption predigen und sich am Untergang kleiner Mittelständler oder Konkurrenten erfreuen und dann aber jammern als gäbe es kein Morgen, wenn sie ihre eigenen Lichter schwinden sehen. Dann will man nichts mehr gewusst haben von Disruption. Hört auf zu jammern, companies…jetzt gibts darwinistische Disruption. Dies eben die Chance, jetzt nicht wieder auf die bescheuerten Finanz-Bazookas zu verweisen wie einst Mario Draghi. Noch vor eineinhalb Wochen zB saß da Olaf Schulz bekloppt und der Angelegenheit völlig entgegen verschmitzt lächelnd im Ministerium und verwies darauf, dass man den Unternehmen eine Riesenbazooka bereitstelle und auch in den USA wurde wieder von “enormously boosting fiscal firepower“ schwadroniert, um die Wirtschaft zu retten. Das wird nicht ewig immer wieder klappen, die Börse nimmt sich ja jetzt bereits nichts mehr davon an, obwohl zB in den USA sage und schreibe knapp 1.5 Billionen Dollar (kein Übersetzungsfehler!) in das System gepumpt werden sollen, also wieder das reine finanzielle Adrenalin. Zudem ist es so, als versuche man, ein Auto mit Motortotalschaden und Tank-Leckage durch ständig wiederholtes Volltanken wieder fit zu bekommen. So, one more time for the last time?!

Wer natürlich dagegen jede finanzielle Unterstützung in diesen heftigen Zeiten verdient hat, sind all die prekär unterbezahlten Berufsgruppen, die sich bisher schon in Scheißjobs durchs Leben schlugen und wirklich die Leistungsträger waren und sind, die die Gesellschaft zusammenhalten und es ihnen mit Dreckslöhnen gedankt wird als da u.a wären Post- und Paketboten, Reinigungskräfte, Kassiererinnen und generell Discount-Mitarbeiter, Müllentsorger, Pflege- und soziale Kräfte, Speditionsfahrer, Lagerarbeiter zB bei Amazon, Erntehelfer, Callcenter-Mitarbeiter und Servicekräfte im Gastronomiebereich und viele andere Niedriglohnarbeiter mehr in allen Bereichen. Menschen, die sich mühsam durchschlagen und bei denen es generell vom Mittelstand und wer immer sich selbigem zugehörig fühlt, so hingenommen wird, dass es schon ganz ok sein sollte, wenn diese Billiglöhner ausgebeutet werden, damit die Infrastruktur des Systems weiter gut läuft in ihrer Effizienz und dem geheiligten Konsum gefrönt bzw an anderen Orten und durch andere Personen Besitz angehäuft werden kann. Gerade jetzt, wo letztlich aufgrund einer fiesen “Grippe“ im Weltwirtschaftssystem dieser prekäre Bereich der Arbeitswelt den ganzen Laden alias Gesellschaft überhaupt noch zusammenhält, damit die basisinfrastrukturelle Versorgung und Aufrechterhaltung steht und all die lächerlichen Mickey Mouse-Jobs in der Finanzindustrie oder Unternehmensberatungen und “digital advisor“ plötzlich so lachhaft erscheinen (endlich einmal als die Nackten erkenntlich werden, die sie tatsächlich sind!), ist es an der Zeit, den abgehängten Niedriglohnarbeitern und -arbeiterinnen nicht nur durch warmen Applaus aus Fenstern und Balkonen würdige Anerkennung zu zollen, sondern das bedingungslose Grundeinkommen einzuführen, das all diese prekären Jobs im übrigen direkt aufwerten würde, da der Lohnaufwand für selbige eminent steigen müsste und endlich als relational zur geleisteten Arbeit empfunden und so gesellschaftliche Anerkennung widerspiegeln würde.

Bleiben wir noch für einen Moment beim bedingungslosen Grundeinkommen. Es ist flankierend zwingend nötig, das Hartz IV-Regime mit seinen völlig aus der Zeit gefallenen Sanktionensmechanismen gleich vollständig mit abzuwickeln. In Zeiten der Pandemie und ihrer langen Nachwirkungen ist ein solches Gesetz blanker Hohn. Zumal über die Niedriglöhner ein völlig labiler Parallel-Arbeitsmarkt entstanden ist, der den Unternehmem Billigarbeiter und “Sub-Unternehmer“ zum Discountpreis zur beliebigen Disposition rüberschiebt oder in den Agenturen “rekrutieren“ lässt. Das hat nichts zu tun mit der Anerkennung für prekär Arbeitende, die angestrebt wird. Es macht keinen Sinn mehr, Verdachtssignale gegen Arbeitslose auszusenden. Das bedingungslose Grundeinkommen würde die Leute überhaupt erst zum Arbeiten motivieren! (Darüber beizeiten noch ein eigener Artikel).

Aber noch etwas anderes legt die Corona frei: die Fraglichkeit der bisher so unwidersprochen propagierten Mobilität und feinmaschigen Interkonnektivität der globalisierten Weltwirtschaft und der darauf zugerichteten Individuen in ihr. Wir erleben eine Deglobalisierung in Echtzeit, die Isolation nicht nur des Individuums in der eremitischen Selbstquarantäne, sondern auch sich wieder vermehrt absondernde Staaten, die ihren Grenzschutz ausbauen und also die Reversion von Netzwerkeffekten, die in einer ausdifferenziert verketteten Gesellschaft für großes Chaos sorgen muss. Plötzlich also kreist wieder jedes Land um seinen eigenen nationalen Bauchnabel und verfällt dem Unilateralismus. Über die politisch-gesellschaftlichen Konsequenzen dieser Spontanisolation auf der Makro-Ebene wird an anderem Orte zu verhandeln sein.

Es wird einem bei aller verständlichen Bestrebung, möglichst schon jetzt und direkt eine Folgenabschätzung zu erlangen und zu antizipieren, welchen Ausgang diese Krise nehmen wird (begleitet von fast infantil anmutenden “Wie lange dauert die (Corona-) Fahrt noch?“-Chören), nichts anderes übrig bleiben als auf meinen ewigen Leitstern, die daiostische Philosophie zu verweisen: alles hat seine Zeit. Der Kontrollverlust ist durch forcierte Kontrollabgabe wirklich fast maximal für alle Beteiligten. Der Schwarze Schwan der Corona wird sich noch eine ganze gute Zeit lang, während fiebrig an einem Impfstoff geforscht wird, austoben und hohe schmerzliche Todesraten fordern, das ist offensichtlich. Was wir machen können, ist, willig zu sein aus dieser Krise zu lernen, dass es nie wieder wirklich so werden darf, wie es war, was all die kapitalistischen verwöhnten und wie selbstverständlich als Anspruch vorausgesetzen Exzesse betrifft, nicht nur in Richtung der Big Companies und der Finanzindustrie, sondern auch in Richtung des je Einzelnen, des Konsumbürgers in seinem Wahn eines Anrechtes auf unbeschränktes Reisen, der Welteroberungsattitüde und der kompletten Sorglosigkeit in Bezug auf die Umwelt. Vergessen wir nicht, dass das Klimaproblem weiterhin dringend besteht und in den kommenden Monaten, zumal im Sommerhalbjahr, wieder wirklich brennend auf die Agenda treten wird, noch zusätzlich. Viele haben zB noch gar nicht begriffen, was für ein beängstigend prä-apokalyptisches Fanal unsere “neuen“ Sommer und die Regenwaldbrände in Südamerika und Australien vor allen Dingen 2019/Anfang 2020 sind und waren.

Auch wenn man in der seligen Rückschau später die ein oder andere derzeit getroffene radikale Maßnahme zur Eindämmung bezweifeln mag, so müssen  wir Antworten auf all diese Probleme finden, einen Ethos der Ernsthaftigkeit der Lage, nicht einen der allgemeinen Verbote, dann aber doch wiederum definitiv einen Ethos der Selbstbeschränkung und des Verzichtes entwickeln. Nicht wegen der Covid-19, sondern als große Lehre aus dem Corona-Prinzip. Wie ich es andernorts und noch am Ende meines letzten Textes, “Die Zwangsjacke auf der Wäscheleine“ schrieb: wenn wir nicht freiwillig auf unseren ohnehin nur auf Zeit gebauten Schlaraffenlandanspruch verzichten, werden wir in sehr kurzer Zeit zum Verzicht gezwungen werden. Nicht mehr durch Verbote, sondern durch die reine Notwendigkeit. Und dann ist es zu spät zur Einsicht. Handeln müssen wir jetzt. Die Krise nicht verstreichen lassen und den Neoliberalismus und die entfesselten Märkte einfangen und einschränken und die solidarische Gemeinschaft aufbauen und wieder den Mitmenschen sehen statt nur abstrakte Mickey-Mouse-Werte und Profit. Und das ohne jede Sentimentalität gesprochen, aber alles das gewiss so geäußert, damit wir nicht wieder wie nach der Krise 2008/09 noch neoliberaler aus alldem herauskommen als wir hineingegangen sind. Wie schäbig und vulgär wäre es doch, wenn nach der Krise der Hebel einfach wieder umgestellt würde und die Maschinerie des invasiven Kapitalismus zunächst langsam, dann aber wieder in voller und eventuell sogar noch heftigerer Fahrt wieder in Gang käme und die Hirnlosigkeit des Handelns einfach wieder aufgenommen würde und alles so weiterginge, wie es war, bevor uns während der Systemfinsternis für einen klaren kurzen Moment die Corona des Systems sichtbar wurde wie ein beglückender Hoffnungsstreif, aber wir dennoch nicht bewusster leben wollten.

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“Der besseren Erkenntnis nicht folgen bedeutet Krankheit.“

Aus dem Daodejing des Lao-Tzu

Also seien wir Eremiten des Widerstandes und unterliegen wir auch nicht der Seuche der Dummheit oder Unreflektiertheit. Während die Idioten der Massenblödigkeit Klopapier kaufen, als ob es ein kein Morgen gebe und mir im Übrigen völlig egal ist, warum sie das tun, sollten wir würdiger werden und dieser Gentrifizierung der Dummheit nicht folgen. Lassen wir den Kopf an zum Nachdenken, legen wir eine Weile kontemplative Muster ein und handeln danach entsprechend und mutig für die neue Gesellschaft. Die dunkle Umbra des alten Systems lässt die helle Corona der neuen Möglichkeiten im Kontrast umso heller strahlen.

https://de.wikipedia.org/wiki/Korona_(Sonne)#/media/Datei:Solar_eclipse_1999_4.jpg

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Die Zwangsjacke auf der Wäscheleine oder: Radikal am Ende

“Ich bin beinahe täglich am Ende.“

Der Charakter Paolo Hoffmann in Thomas Manns Novelle “Wille zum Glück“

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“Vielleicht sagst Du: ‚Es ist wohl so, daß die Welt im Argen liegt, aber mir ist es doch bisher durch ein stilles Leben geglückt, glücklich durchzukommen.‘
Darauf muß geantwortet werden: ‚Sieh Dich nur vor, ob sich dies machen läßt. Es hilft nichts, daß Du mit dem Mund sagst, daß die Welt im Argen liegt. Indem Du gut durchkommst, drückt Dein Leben aus, daß es doch eigentlich eine ganz gute Welt ist. Nein, liegt die Welt im Argen, ist es ein demoralisiertes Geschlecht, in dem Du lebst, dann hast Du kein Recht, gut durchzukommen, d.h., es läßt sich nicht machen, ohne daß Du auf die eine oder andere Weise Mitschuldiger bist.“

Sören Kierkegaard, Geheime Papiere

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Eine Revolte, so hat es sich öfters angefühlt in mir in letzter Zeit. Eine Revolte gegen das System, bloß: gefühlt. Eine Revolte gegen das Mitlaufen oder Mitgezogenwerden. Eine Revolte gegen den Zeitgeist einer (aber welcher bloß?) Epoche. Hat man sich es wirklich ausgesucht, in dieser Zeit zu leben oder vielleicht besser: will man überhaupt in dieser Zeit leben? Gut, die existentielle Geworfenheit…man kann es sich nicht aussuchen. Nicht die zoologische Gattung, nicht das Zeitalter und die Herkunft, nicht das Publikum. Und dieser Schmerz: nicht jammern zu wollen im Jammertal eines auferzwungenen Paradieses. Und die Revolte dagegen ist eher etwas, das mir widerfährt als etwas, das ich gestalte. So zumindest verhielt es sich bislang.

Es gibt immer diese schlauen Tipps einiger Unverdrossener, teils zugegeben simplerer Charaktere: “Guck auch mal auf die guten Seiten dieses Zeitalters“. Das ist ja exakt das, was das System will: schau auf die guten Seiten! Das ist seine ganze blendende Fassadenkunst und während man auf die glitzernden Flächen schaut und staunt und das System einen antanzt und ablenkt, wird hinter den Kulissen der ganze Dreck vollzogen. Eine Bequemlichkeitsübereinkunft aller mit dem System. Ein eingekaufter Nichtangriffspakt. Eine immerwährende comfort zone des Gutgehens, die fortwährend ihre eigenen Bedingungen untergräbt. Da werden 5, 6, 7, 8 Leben in einem gelebt und man schaut, wielange das gutgehen mag. In der Zwischenzeit kündigt der Autor dieser Zeilen hinter den Kulissen seinen klimapolitisch radikalst zu denkenden Text “Das Rascheln der Wälder“‘ an und versinkt indes doch in spleeniger Melancholie. Und worüber?

Über das Eingebundensein in Zusammenhänge, die man nicht ignorieren kann, wo man sie gern ignorieren würde. Das Downgrading der eigenen intellektuellen Hypersensibilität zur Idiotie und zwar die dessen, der sich über die Verworrenheit der Zusammenhänge dazu entscheidet, intellektuell simpler aufzutreten, will mir nicht gelingen. Wenn bei alledem aufgestörter Intellekt auf dieses “Zeitalter“ trifft, sorgt das für immerwiederkehrende Titanic-Momente in meiner Biographie. Wobei mir bei der Evokation dieser Metapher auffällt, wie passend das Bild eines monumentalen Eisbergs für das kapitalistische System und seine prekäre Persistenz ist. Aber lassen wir das.

Ich will also kein Idiot im Buddha-Modus sein und vermeintliche Zen-Ignoranz und die daraus resultierende Seligkeit (or so they say) erlangen. Ich will mir auch keine Zeitungen herbeisehnen, in denen nur gute Nachrichten stehen oder bloß positive Zusammenhänge oder gar bescheuerte Bücher von Steven Pinker lesen. Alles gut…nicht wahr?!

Stehengeblieben aber waren wir oder wollten es bleiben bei der Übereinkunft zur Bequemlichkeit aller mit dem bestehenden System des invasiven Kapitalismus. Die Perfidie, mit der man die Meisten dazu dressiert hat, so ziemlich alles, was man haben kann, auch haben zu wollen. Wir Erkennenden aber müssen schnell (SCHNELL!) radikal werden dagegen und radikal, das bedeutet: verzichten! Radikal, das bedeutet nicht bloß die Augen verschließen, gegenüber dem, was sich ereignet und dem, was uns so vorgesetzt wird, sondern es bekämpfen. Durch Verzicht. Radikal. Verzicht ist eine Meditation. Verzicht ist das Stärken des Willens zum
Nicht-Erlangenwollen. Ein Wille, der nicht viel will. Ein Wille, der autonom(!) will, indem er nicht etwas will. Und im Wendeschluss, indem er etwas nicht will.

Es erscheint mir wie aus einem anderen Zeitalter gegriffen (und wahrscheinlich war es das auch), als ich vor fast exakt zehn Jahren, die mir entweder extrem fern oder sonderbar nah erscheinen, in mein Jahr des Verzichtes auf im Wesentlichen fast alles Konsumierbare ging, ein Jahr ohne Einkünfte oder irgwelche Versicherungen, ein Jahr ohne Zugang zu Elektrizität oder dem Internet (zumindest nicht daheim), ein Jahr des Weniger.

Geboren war der Entschluss dazu zu wirklich gleichen Teilen aus der Not und meiner tiefen Überzeugung zugleich, eine im wahrsten Sinne des Wortes Koinzidenz der Notwendigkeit mit dem freien Willen. Ich wollte nicht länger arbeiten für Dinge, die ich nicht haben will oder mich abstrampeln für Zusammenhänge, in die ich mich eingebettet fand, mit denen ich aber wesentlich zutiefst nicht zu tun hatte oder zu tun haben wollte. Ausbrechen aus dem System, soweit das im invasiven Kapitalismus überhaupt möglich ist. Verzichten. Den Verzicht üben. Eine Meditation in Bedürfnislosigkeit.

Was soll man auch wollen? Alles bloß konsumptive Plethora und Dinge, die einen unangebracht verwickeln im System. Wir müssen das nicht haben. Wir müssen uns abkoppeln vom System. Weniger kaufen, allein auch schon: weniger “wollen“. Den Willen nicht an Objekte heften. Den Willen immaterielle Werte wollen lassen. Stark werden, indem man NICHT kauft.

Der Kapitalismus ist unmenschlich. Eine virtuelle Kraft, die sich von ihrem Schöpfer ablöst und ihn sich dienstbar macht. Der grenzenlose Kapitalismus der Gegenwart extrahiert den Mehrwert aus allen Zusammenhängen und hinterlässt die Objekte dieser Extraktion als Schlacke im System. Die perfide Architektonik des invasiven Kapitalismus besteht in seiner Verantwortungslosigkeit: je ungebremster und ungehemmter er brummt, umso schillernder und vitaler kann er sich selbst darstellen bzw darstellen lassen. Er wirkt funktional und extrem pragmatisch und zielführend, wenngleich er von keinem größeren Ziel weiß als der Steigerung von Profit. Jeglicher Nutzen ist Kollateralnutzen: nicht nachhaltig, reiner Belohnungshormoneinschuss wie eine Droge: kurzfristig wirkend und das eigene Objekt auf Dauer zersetzend.

Die meisten Menschen überfordert das Denken in den größeren Zusammenhängen gewaltig. Für eine Metaphysik des Kapitalismus haben sie keine Zeit, sondern bloß ihre Sorgen und Nöte, die schon kompliziert genug erscheinen und sie müssen wirken im System (glauben sie oder lassen sie sich weismachen) und so kommt es nicht zu einer Absatzbewegung. Sie haben verlernt, das Radikale zu leben oder auch nur zu denken. Sich Alternativen vorzustellen und den Mut zu haben, diese zu leben. Sie haben verlernt, zu verzichten. Eine das Bewusstsein potentiell ins Unermessliche steigernde Digitalität versetzt sie in einen Haben-Müssen-Rausch bzw -Taumel, dem sie nicht entgehen. So ist man am Ende zudem bereit, ganz einfach als gegeben zu akzeptieren, dass diese gekauften Dinge, die niemand wesentlich braucht, bereits nach kürzester Zeit defekt sind oder schon direkt beim Kauf defekt sind. Das System verkauft Müll, dead on arrival.

“Soso. Und was war nun mit deiner Verzweiflung?“…höre ich unleidige Leser schon wieder raunen. Und sie haben ja recht. Ich bin des Abschweifens zu zeihen. Vielleicht also ist es an der Zeit oder, lokaler gefasst, am Orte, zuzugeben, dass ich radikal am Ende war zuletzt und das ganz im Sinne des Helden der oben zitierten Mann’schen Novelle, “beinahe täglich“.

Bei einem Besuch meiner Mutter vor einem Jahr, verloren sich meine frühmorgendlichen Gedanken im Gespräch noch unbewusst abgelenkt durch ein weißes breites, derart fast segelähnliches Flattern im lauen Morgenwind: auf einer Wäscheleine flatterten einige Zwangsjacken in strahlendem Weiß wie ein komplett schief geratenes Symbol für einen frischen Start in einen optimistischen Tag. Als der bremsende Einfluss meiner Müdigkeit von meinen Synapsen innerhalb einiger Sekunden korrigiert wurde, wurde mir selbstredend klar, dass die Metapher auf vermeintliche optimistische Tagesfrische den entscheidenden Bruch in der Dubiosität des entsprechenden Textilstückes fand. Aber dann ging mir auf, eine um wieviel mehr stimmige Metapher auf mein tägliches Leben und Erleben im digital beschleunigten Kapitalismus dieses Bild aus dem Fenster dort im Innenhof des Sanatoriums ergab: täglich rein in die frisch gewaschene Zwangsjacke des Systems.

Denn wenn das System, in welchem ich mich notwendig eingebettet vorfinde, eines ist oder zu einem wird, das meinem Wesen zutiefst nicht oder nicht mehr entspricht, so bleibt mir konsequent nur, solange ich den Selbstmord als Option ausschließe, mich als in einer Zwangsjacke im System vegetierend wahrzunehmen. Um es mal drastisch bis drakonisch auszudrücken. Das eigene Uneinverstandensein gegenüber einem neuerungswütigem Zeitalter findet seinen Ausdruck dann im Verrücktwerden an ihm selbst, wenn einem zu kooperieren nicht als Möglichkeit erscheint. Dann also sind der Wahnsinn und die Verzweiflung (im stilleren Grad die Resignation) folgerichtige Begleiterscheinung des digitalen Consumer-Zeitalters.

Oder aber man macht die Rechung, um das Irrewerden zu vermeiden, anders auf und lebt in voller Überzeugung radikal dagegen. Solange und falls überhaupt noch der Raum für eine solche freie Entscheidung gegeben wird oder gehalten werden kann (man wird ja ohnehin schon genug zum Mitmachen aktiviert). Die Emanzipation von der Konsumgesellschaft erfolgt also zunächst durch einen souveränen Akt der Bewußtbarmachung. Dieser ist unbedingt nötige Voraussetzung, um nicht mit in den Sog aus generierter und angelernter Bewusstlosigkeit zu geraten, den die Realität der Ist-Zeit erzeugt oder, sollte man sich bereits im Sog befinden, sich wieder aus ihm zu befreien. Sonst ist alles nur noch bewußtloses Hinterhertaumeln im Meer der Verworfenen und man nimmt teil an einer Idiotie der bloß die Realität Konsumierenden und sie durch willfährige Adaption der bestehenden Verhältnisse Reproduzierenden, die zwar zunächst noch eine Weile unausgesprochen empfinden mögen, dass etwas Äußeres sich gewaltsam zu ihrem eigentlichen Wesen in ein fast unerträgliches Missverhältnis gesetzt hat, sich dann aber darein fügen wie in ein unabwendbares Schicksal und so kooperieren, um sich anzupassen und keine Reibung zum neuen System mehr zu empfinden. Mitmachen ist oft einfacher, wäre hier die platt formulierte Bottomline.

Lassen Sie es mich noch einmal anders fassen, für alle die Leser, die später fast harmlos-beiläufig einstreuen werden, sie verstünden mal wieder nicht alles. Reflektiert werden soll auf die Fragen: “Brauche ich alles, was man mir vorgibt, brauchen zu müssen/sollen?“. “Muss ich allem Neuen hinterher hecheln, um mich so zu fühlen, als lebte ich zeitgemäß?“. “Wie verhalten sich meine eigenen intrinsischen Bedürfnisse zur bloßen Wunscherzeugung, die von außen an mich dringt?“. Konsequenter gefragt: “Wie diszipliniere ich mich selbst? Wie schaffe ich Verzicht?“- eine radikalere Übersetzung der Ursprungsfrage: “Was brauche ich überhaupt?“, da sie schon voraussetzt, dass es ohnehin viel mehr gibt, auf welches ich verzichten werde können und von dem ich nicht weiß, gerade im Zeitalter der Affluenz, also des gänzlich irrationalen Überschusses an Konsumgütern.

Wenn man dieses Unbehagen am Zeitalter empfindet, soll man sich eingestehen, dass man radikal am Ende ist. Aber nicht resignativ, sondern proklamativ am Ende. Und sich selbst dieses Sich-in-reflektiertes-Unverständnis-mit dem Zeitalter-Setzen bewußt machen und entsprechend konsequent handeln. Den Geist befreien vom Zuviel. Den Geist zugleich befreien von der Jagd auf das Zuviel. Und diese Gedanken mutig formulieren. Sie nicht nur wie ein privates Gut vor sich hertragen, sondern sie proklamieren und leben. Denn anders kommt keine Änderung in die Welt und einer Änderung bedarf diese Welt, all das Pathos schon bewusst gewählt, dringend. Das System, das sich derzeit an unserer Lebenswelt, der Natur, sattfrisst, ist kein nachhaltiges Lebenssystem, sondern eine hypertroph effiziente Durchlauf-Maschinerie, die es für vielleicht 100-200 Jahre einigen Generationen ermöglicht hat und ermöglichen wird, wie Halbgötter im Paradies zu leben, bevor die unfassbare luxuriöse Vulgarität desselben, die Bedingungen dafür so nachhaltig untergraben und vernichtet haben wird, dass die Generationen danach entweder gar keine oder eine auf das vorzivilisatorische Primitive reduzierte Lebenswelt vorfinden werden. Diese Feststellung ist kein Katastrophismus, sondern komplett nüchterne Projektion.

Sollte der ein oder andere Leser jetzt noch skeptisch in Bezug darauf sein sein, diskutieren wir über all dies, sagen wir: im Jahre 2060 noch einmal gemeinsam, wenn wir uns zugleich eine Erde vorstellen dürfen, die dann bereits knapp 10 Milliarden Menschen wird ernähren und eventuell sogar weiterhin ihre maßlosen “Bedürfnisse“ bedienen müssen, die aber deprimierend anzuschauen sein wird. Und egal was unsere Disruptions-verliebten Tech-Solution-to-Everything-Jünger aus dem Silicon Valley und ihre zwangsbeglückungswilligen Papageien rund um den Globus auch so propagieren: in dieser Welt wird es Myriaden von Probleme, aber kaum “Solutions“ darauf mehr geben. Wer in der Gegenwart “Solutions“ auf Probleme verspricht, die man selbst durch “Disruption“ überhaupt erst generiert hat, wird in Zukunft nicht mehr ernsthaft erwarten dürfen, im Land, wo Milch und Honig fließen zu leben. Auf solche Utopien verzichten wir gern. Hier anders zu handeln, bewußt zu handeln, zu verzichten und eine kommunitaristische Gesellschaft anzustreben, heißt tatsächlich mit Nietzsches Wort gesprochen, “der Dummheit Schaden zu tun“.

Und weil wir ja wie oben vereinbart, den Selbstmord als Option ausschließen, so wollen wir doch so souverän uns dazu entschließen, allen katastrophalen Entwicklungen zum Trotz, ab sofort dagegen zu handeln. Nicht mehr mitmachen. Anders hoffen. Nicht mehr hoffen, dass der Markt die Dinge schon regelt. It’s not the economy, stupid! Zumindest nicht die (und verzeihen Sie mir im Folgenden für einen Moment die Adjektivkette) entfesselte invasive digital-katalysierte neoliberale Wachstumsökonomie. Sondern in Zukunft eine maßhaltende Post-Wachstumsökonomie. Ein bescheidenes und verzichtendes Wirtschaften. Politisch organisierte Umverteilung, die zudem exzessive Fehl-Allokationen von Profit vermeidet. Auch dazu beim nächsten Mal mehr.

Verzeihen Sie es mir, liebe Leser, wenn dieser Text für heute in der fragwürdigen Mitte zwischen Beschreibung von Befindlichkeiten und einer Form der Agitation landet und also zumindest darauf nicht verzichten konnte, aber mehr war mir für diese Zeit meiner Erschöpfung abzuringen vielleicht auch nicht gegeben. Vielleicht fängt Verzicht schon dabei an, nicht alle Weltprobleme allein an einem Tag in einem Text (ausgerechnet da!) lösen zu wollen oder zu können. Aber zumindest war es mir schon um den Verzicht zu tun. Unterhalten wir uns beim nächsten Mal über Verbote. Wenn Verzicht ein Hasswort des konservativen Genussmenschen ist, so ist das Verbot der Beelzebub in der guten warmen Stube des systemkonformen Mittelklassebürgers. Und allein schon darum einen eigenen Text wert.

…nächstens mehr…

 

Hysterische Entspannung in der Zeit meines Schreibens

Pools of sorrow, waves of joy
Are drifting through my opened mind
Possessing and caressing me.
Jai Guru Deva, Om…
nothing’s gonna change my world…

—The Beatles, Across the Universe

Wahrscheinlich schreibe ich gerade dann am wenigsten, wenn ich am meisten zu schreiben haette. Dann erfuellt mich die Gewissheit, dass ich mich nun eigentlich hinsetzen und ein ganzes Buch schreiben müsste und dann sperrt es sich in mir, das ist ausgeprägte Angangsfaulheit, denn, das Buch schriebe sich doch wie von allein, finge man nur erst einmal an.

Dabei sind die Erwägungen gegen das gesammelte und sammelnde Schreiben grundsätzlicher Natur: wielange kann ich mich an einen Gegenstand binden, darüber zu schreiben, wie sehr das Thema vertiefen/erweitern, ohne in beliebige Variationen abzurutschen? Der taegliche Ausnahmezustand in Sachen nicht-körpereigener Drogenzufuhr aus 8-12 Tassen starken Kaffees trägt sein übriges bei zum Ideentanz, zur Projektemacherei, nur dass ich anders als Balzac dabei eher zerrütte und mich zerfranse als taeglich einen gefuehlten Roman zu schreiben. So kommt es vorerst nur zur Schmiererei in die Kladde, Entwurf bleibt stecken, wir kennen das. Eine Befreiung einer solchen Schreibblockade inmitten einer Masse von Stoff(en) kann inszeniert werden, indem man sich/es schreiben lässt. Das behaupte ich hiermit einfach felsenfest und schon kanns losgehen.

Auf die Plätze, fertig….STOP!! (Denn während ich dies schreibe, kurz der Gedanke in meinem Kopf: “Da weiß jetzt nach Veröffentlichung aber auch die NSA, dass du derzeit an einer Schreibblockade leidest. Und was machen die mit dieser Information jetzt aus mir bzw. dem, der ich bin oder sein soll?“) Dieser Gedanke ist weder kokett noch lustig noch Präsentationstapet für eine halbwegs misslungene Pointe aus der derzeit so bewährten Kategorie “Politischer Skandal? Da reagiere ich tiefenentspannt!“, sondern ein mich eher bis ins Mark beängstigender Gedanke, wie weit es mit dem sukzessiven, aber fundamentalen Abbau unserer Bürgerrechte bereits gekommen ist.)

Aber mein Schreiben will einen Sprung machen, also:  hauptsächlich arbeite ich nicht, um kein Geld zu verdienen. Außerdem arbeite ich hauptsächlich nicht, um schreiben und vor allem einmal: denken zu können und damit verdient man zwar kein oder kaum Geld, aber es ist meine Arbeit und mein Beruf. Kein Job, eine Berufung. Desweiteren arbeite ich nicht, um nicht im System abzustumpfen und damit ich mir nichts leisten kann. Ich kann also auch feststellen: hauptsächlich arbeite ich nicht, damit ich nicht im Publikumsverkehr mit Stöpseln in den Ohren auf meinem Smartphone herumwische, während ich aufbreche, in die Konsumwelt auszuziehen. 

Auch schreibe ich aus Trost. Will sagen: um zu trösten. In allererster Linie mich zu trösten, da ich ja nicht weiß, wie man andere mit seinem eigenen Schreiben trösten sollte, aber wer Trost in diesen oder anderen Zeilen findet: Herzlich Willkommen und willkommener Kollateralnutzen. Sie müssen dafür nicht bezahlen, lieber Leser, ich profitiere nicht, daran hängt auch kein persönliches Geschäftsmodell. Wir müssen doch nicht schreiben, um zu verdienen. 

Die Hauptfrage, die ich an mich richte, will heißen: wo will man in dieser Zeit noch hin mit sich selbst? Da ist eine Art von (Un)Ort, da stünde man gern draußen vor der Tür, weil mitmachen automatisch wie Verdummung erscheint: es ist das System, das zunehmend das Leben der meisten wird und uns alle stumpf macht und zu dummen Mitmachern. Das sehe ich nicht ein. Da lautet die einfache Form der Uneinverständniserklärung: das macht mal schoen ohne mich. Datensammeln, Kunden verarschen, Kundenkarten beschreiben, konsumieren und bestellen, das Geld anlegen, Rabatte und Prämien einlösen, Gutscheine erhalten, sich irgendwelche Werbenarrative wie Bären aufbinden lassen (früher, als es noch den “Glauben“ gab, konnte man die Leute mit der Hölle und dem Himmel und dem Seelenheil und wundertätigen Reliquien und dem Ablass und den Fürbitten und der Erlösung durch Arbeit und dergleichen vollabern, heute labert man sie voll mit Big Data und Konsum und das Seelenheil, das im Erwerb und in der Affluenz begründet liegt, heutzutage erklärt man das Geld und den Profit zur neuen ultraeffizienten Religion, heutzutage erklären PR-Berater und Lobbyisten den Kindern schon in der Schule die Welt, wie PR-Berater und Lobbyisten sie gern hätten und wer hier nicht glaubt und sein effizientes Seelenheil erarbeitet und im e-commerce verprasst, der verdient nichts und wird somit aus eigener Schuld zum ausgestoßenen der Marktreligion und…)…huch, ich wollte doch übers Schreiben schreiben.   

Aber manchmal lässt man das Schreiben einfach los, das ist das Parlando des Herzens oder des Geistes, je nachdem, was von beiden gerade bewegt ist, so will es scheinen. Da dringen dann schon die Themen ungefiltert durch, das ordnet, das reinigt, das macht den Kopf frei (macht das Herz frei). Hatte ich andernorts von der Elendherzigkeit geschrieben (antiquiertes Feld) so könnte man sich doch auch der Barmherzigkeit widmen in diesen kalten effizienten Zeiten, da solch ein Wort wie ein schwarzer Sperrbalken im Welt(kon)text steht. BARMHERZIGKEIT?! Da fragen sich die lobbyistenunterrichteten Kinder in der Schule vielleicht schon, ob sowas ansteckend ist oder weh tut. Statt Fragen nach sozialer Gerechtigkeit und Verteilungsgerechtigkeit nachzugehen, geraten wir in eine Gesellschaft der Korrektivpolitik. In diesem Korrektivethos wird die Rückkehr der Kontrolle durch die Hintertür der Sicherheit gefeiert und ich mag zumindest heute einmal wirklich nicht vertieft über sogenannte Nachrichtendienste schreiben. Die Rückkehr der Kontrolle und der Verordnung gegen die bürgerliche Freiheit durch die Hintertür der Sicherheit zeigt sich an einem beängstigenden Exempel der Bevormundung des Bürgers durch die ihm (vermeintlich) freundselig gesonnene Institution. Nehmen wir als Exempel den Kölner Verkehrsverband KVB, der seit dem 1.10.2013 das Alkoholtrinken in seinen Bahnen und an den Haltestellen streng verbietet und Missachtung dieses Verbotes durch Geldbußen sanktioniert:   

http://www.kvb-koeln.de/german/kampagnen/alkoholkonsumverbot.html  

…und das als Errungenschaft der Sittsamkeit im Sinne des Mitbürgers feiert. Doch diese Mitbürger sind eher über eine solche restriktive Politik des Eingreifens in das Bürgerrecht “Fahrbier trinken auf zB dem Weg zur Party oder das Grundrecht “Fahrbier trinken auf zB dem Weg zur oder den Weg heim von der Agentur für Arbeit“  irritiert. Das schreibt hier jetzt übrigens nachweislich kein Lobbyist der Apokryphen Alkoholiker, sondern ein vehementer Nichtraucher, der sich dennoch über die Ausweitung von Nichtraucherflächen zu Kampfzonen spießbürgerlicher Nüchternheit erregt.

Nun, auf besagter KVB-Seite heißt es:

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Ausweitung des Ess- und Trinkverbotes

Das Ess- und Trinkverbot wurde 2007 eingeführt und zeigt hohe Akzeptanz und gute Erfolge. Trotzdem gibt es Lücken, die eine Ausweitung des Verbotes notwendig machen. 

Ab 01.09.2013 gilt: 

Kein Alkoholkonsum bei der Nutzung von Bus & Bahn. In einer Vorwarnphase von 4 Wochen werden alle Fahrgäste über das Alkoholkonsumverbot informiert und aufgefordert, den Konsum zu unterlassen.

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Das ist immer das Problem, wenn die gutgemeinte Tugend den autoritären Verbotsstaat reinstalliert. Demnächst uebrigens sollen straffälligen Bürgern, die durch Freiheitsentzug nicht zu disziplinieren sind, ein generelles Autofahrverbot erteilt werden (warum eigentlich muss man in der modernen Zeit hinter jede mitgeteilte Info aus den Nachrichtenagenturen ein “Kein Scherz!“ hinzufügen? Vielleicht, weil das Zeitgeschehen immer unfreiwillig komischer wird?). Der strafende Staat/die strafende Institution ist zurück und wie schön, dass er in Dauerüberwachung eines jeden sein schlafloses Auge auf uns alle gerichtet hat, damit wir nicht durch in der Stadtbahn rauchende Alkoholiker oder merkwürdig aussehende Kopftuchträgerinnen (ach, das kommt erst noch?! Entschuldigung, ich dachte, das wäre bereits…) irritiert durch den Frühverkehr gondeln müssen.

Aber ich schweife ab, dass es keine Freude ist. Über das Schreiben also schreiben: das machen doch nur Idioten. Als ein solcher kann man sich aber problemlos labeln, wenn man ans bis aufs Minimum reduzierte Mitmachen in der Gesellschaft denkt. Aus Gründen. Manchmal ist mir tatsächlich danach, prophylaktische Mahnungen an die Institutionen zu schreiben, die etwas von mir wollen, vielleicht in folgendem Wortlaut:

“Ich bitte Sie mit Schreiben vom xyz, mir ab sofort unverzüglich keine Korrespondenzen mehr zuzustellen, in welchen ich aufgefordert werde, Auskuenfte ueber mein Leben und alles mit meinem Leben Zusammenhaengende darzubringen. Imgleichen fordere ich Sie hiermit auf, mich zu nichts mehr aufzufordern, mir keine Rechnungen mehr zu schreiben, mir keine Fristen zu setzen, mich nicht zu staats- oder institutionspartizipatorischen Akten anzustiften, mich nicht sehr zu ehren und mich desgleichen auch nicht mehr nach bürokratisch düster-drohendem Wortlaut zuvor, danach jedoch freundlich zum Abschied zu grüßen, kurz: mich also fürderhin ganz und gar in meiner hart umkämpften Ruhe zu lassen, andernfalls ich mich gezwungen sehe, Blogeinträge wie diesen zu schreiben, woraus zwar für Sie nichts folgt, mir aber ganze Lebtage ruiniert werden, da ich mich mit Ihren stumpfsinnigen Anschreiben auseinandersetzen muss in einer Art und Weise, die mein Schreiben fragmentiert und dem Anlass nicht angemessen erscheinen will.

Schmerzlichst Ihr Paul Duroy…“ (und natuerlich und soweiter) 

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Nach alledem weiß nun in nächtlicher Rumination, aus der nun zumindest dieses eine bedenkenschwere Fremdwort folgen muss, nicht einmal mehr der ausgerufene Autor dieser schweren Zeilen, worum es ihm eigentlich zu tun war. Und da Literatur, wenn wir sie nun doch einmal so nennen wollen, schonungslos ehrlich sein muss (kein Scherz!), gestehe ich mir off-topic gern ein, dass man heutzutage kaum noch über die Trauer und den Tod und die Barmherzigkeit schreibt (eine Aufgabe für die Tage, die einen dafür neigen). Ein jedes dieser Worte schauriger als das andere in den blockierten Ohren (und noch vielmehr blockierten Köpfen) derer, die mit Ohrenstöpseln freudlos ohne Fahrbier kauflustig in der Kölner Stadtbahn sitzen und über ihre Smartphones wischen, dabei in einer ganz anderen Welt stecken, als der, den der Text hier als “ den Autor“ verortet und denen das Mitmachen in Fleisch und Blut uebergegangen ist, bevor dann Fleisch und Blut demnaechst Datenströme werden. Aber das ist etwas ganz anderes, über das ich schreiben wollte und eigentlich auch schon geschrieben habe. 

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Das Labergelübde—die Gegenwart im Voraus

“Wo ist denn jetzt mein SCHEIß Plato, Mann?!“…schrie ich vorhin hysterisch-laut, nachdem ich zuvor noch euphorisch und aus Schreibvorfreude irgendwie synästhetisch vermengt, Radioheads “Karma Police“ lautstark mitgesungen hatte (“Phew, for a minute now, I lost myself“) in meiner Wohnung, die bei den Nachbarn Junggesellen-Mitleid erzeugt, da ich auf der Suche nach Platons Symposion war, um eben folgende Zeilen nun zitieren zu können. Jetzt aber!

“Hernach aber kam mir, ich weiß nicht woher, der seltsamste Verdacht, daß wohl alles nicht wahr wäre, was wir zusammen ausgefunden hatten. Und sehr verdrießlich sagte ich: ‚Oh weh, Lysis und Menexenos! Wir werden wohl nur im Traum den Schatz geborgen haben.‘ – ‚Was ist wieder?‘, fragte Menexenos.“

Was ist wieder, Paul Duroy? Erstmal ist wieder, dass ich aus der Schreibkrise rauskommen und dafür die größtmögliche Zahl erwartungsfroher bis aufgeriebener Leser als Geiseln nehmen muss. Zweitens ist wieder mein ewiges Problem Synapsenfeuer im Facettenhirn: zuviel Welt von allen Kanälen, selbst schuld, lieber Autor. Das kommt von zuviel Rezeption statt Produktion. Und trotzdem Schreibkrise? Und trotzdem Schreibkrise! Also raus da jetzt und zwar jetzt im Zweifel und der Verzweiflung aus der Not in die Welt geboren: mit der Brechstange.

Viel zu verwöhnt der Kerl: mit auf den Weg bekommen, das Schreibtalent-Äquivalent einiger Kleinstaaten dieser Erde (und die fehlende Bescheidenheit gleich dazu), aber dann bleibt alles im Schreiben unbeackerte Brache wie die argentinische Pampa in Patagonien und Feuerland und auch ähnlich attraktiv.

Einblick in die Schreibwerkstatt, einige spähen durchs spinnwebverhangene Schlüsselloch: ein Text über die Bewusstwerdung der Bedingungen der menschlichen Existenz im 21. Jahrhundert. These hier: es geht um die Existenz des Lebens auf dem Planeten an sich, nicht um irgendwelche digitalen Erlösungsphantasien der CEO’s aus dem Silicon Valley. Könnte spannend werden: Apres nous le délire! Die Bedingungen der Zukunft der eigenen Brut sabotieren: fliegt ihr alle mal schön in den Urlaub und lasst eure Kids dazu aktiv die Klimakompensation fürs CO2 selbst klicken bei der Flugbuchung, damit sie umweltbewusst wirken. Schick, wie ihr jetzt alle Grün wählt. Man erkennt das jetzt nicht alles so scharf durch ein verhangenes Schlüsselloch.

JUNGE!! Schreib den Text und höre auf, Appetizer zu setzen. Lies selbst nochmal deinen letzten Text, “Anlauf und Anschub“. Du verhältst dich sonst ewig zum eigenen Schreiben wie der sprichwörtliche Floh sich zum Pelzkragen. Ruf nach dem Autor…da soll was geschehen. Zwischendurch das kleine Kurze: vielleicht mal Poesie oder Aphorismus oder sonstige Ideen-Sparren.

Auch zum Schreiben braucht man Mut. Morgen und Mittage, in die man erwacht, als wäre man in der Nacht in Mut gebadet worden in Mut-Marinade. Dann kann man aufstehen und heftig schreiben, “krass“. Dann kann man aufstehen. Und sich selbst im Spiegel in die Augen sehen und sich zuflüstern: “I am NOT an Impostor!“. Gib mir was zu sehen, Welt, ich will es sehen und verstehen und beschreiben…schreiben. Ich kann es…jetzt lass es mich auch wollen.

Welche Rolle spielt das Schreibbuch dabei? Eine seltene…wie etwas in der Wohnung, das man so sehr vernachlässigt und vergisst im Hintergrund, dass es selbstverständlich wird in seiner Unbenutztheit und unsichtbar. Wie ein bis ins Unermessliche vergessenes Haustier…lass es nicht zum Ungeziefer werden. Kultiviere es…beschreibe es!

Werde eines mit den Nachtkreaturen oder allem, was hineinfliegt und kriecht des Nachts, wenn du das Küchenfenster offenlässt zum grünen Hof…wie ich da neulich nachts in die Küche trat im matten Licht der Lampe des Vormieters aus den 1950er-Jahren…in eine William S- Burroughs-Küche, die mit mir nicht viel zu tun haben schien. They own the Night. Eintagsfliegen vom nahen Rhein in dutzenden unter der Decke. Steinfliegen. Nachtfalter, Schwärmer, Motten…irgendwann in den Fängen und Lefzen meiner überforderten Katzen. Spinnen: Speispinnen, Wolfsspinnen, Harlekin-Hüpfspinnen…Weichkäfer, Soldatenkäfer, Junikäfer, an den rauhen Wänden emporkletternd. Ameisenstraßen wie die Via Formica. Silberfischchen doch auch, Fossil unter den Insekten….Nachtküchengeschöpf. Chlorfliegen, chlorgrün. Blattwespen, Ur-Insekten…eine Fledermaus. Wo ist das alles am Tag? Wer ist man selbst, wenn man all diese nachts beobachtet? Am Tage über die Nacht schreiben…

I dance with the creatures of the Night. Das sind alles so Phantasien, Gebilde, Rufe, Aufrufe. Irgendwo dazwischen taucht dann plötzlich der Wille auf wieder, zu schreiben…wie ein Phönix aus der Asche seines Ausgebranntseins in Schreibnächten zuvor. Das hat alles ganz schön gedauert. Aber halte die Euphorie jetzt runtergepegelt, sonst hat sie wieder Ikarus-Dimensionen…von “I’m flying high to the Sky“ hin zur notorischen Realitätsroutine der G-Konstante ist es erfahrungsgemäß ja ein kurzer harter Weg. Also lieber den Phönix genießen in seinem flammenden Gefieder, schwarzer Phönix, schreibende Kreatur, schöpfende Kreatur. Sich selbst in die Welt setzen statt Kinder (lass andere das tun), sich selbst jeden Tag neu…was für eine Aufgabe.

Also sich selbst ausschreiben. Nie bin ich aber eigentlich weniger “ich“ als beim Schreiben…oder gerade da? “Was ist wieder, Sokrates?“

Es ist wieder ein Aufbruch aus den eigenen Reihen der Routine und des Verharrens in der Seligkeit der Rezeption. Schreibbeißhemmung aufgehoben. “Schreib alles auf!“, das forderte schon Jean Paul von sich selbst vor Jahrhunderten und recht hatte er, dieser feinsinnige Fußgänger der Ideen, wenn er über die Erschöpfung des Literaten schreibt:

“Wenn ich sage, ich kann jetzt keinen Titan mehr schreiben: so ist nicht Mangel an Kraft, sondern weil ich einen geschrieben und folglich die Ideale des Herzens erschöpft habe.“

Mann, tust du dich schwer, Autor! Aber du bist so selten da, Wille, mein Pfeil für den Bogen, auf dem ich in meinem Warten die Saite “Geduld“ gespannt habe. Das Ziel ist klar vor Augen, der Bogen funktioniert, der Köcher der Inspiration steht bereit, aber wo bist du so oft, wenn nicht bei mir, Pfeil Wille?

Klar, wo andere ihren Bizeps anspannen und bestaunen und sich so ihrer Physis versichern, die sie in neoliberalen Exerzitien zu stählen meinen, spannt der Dichter hier und da seine poetische Inspiration an und überprüft sie auf Vitalität. Das kann so klingen im Moment wie dieses aus den Synapsen gesprossene Haiku, bei Amselgesang aus dem Holunder im Juniregen, beim Sirren der Mauersegler in der verwölkten Höhe über den Dächern:

Mit dem zerfetzten Regen sackt mein Willen zur Erde,

dabei staubtrockene Implosionen des getriebenen Willens,

der vor dem Ziele zu Boden sinkt und also nicht ankommt,

wie ein Brief ohne Adressaten.

Nicht zurück auch, wie ein solcher ohne Absender.

St. Hieronymus im Gehäus also. Ein Ein- und Aussiedler aus den Zusammenhängen. Kriegsberichterstattung von der Schreibfront zumindest DAS hier also jetzt. Anachoret mit Netflix-Account. Hätten das die Camaldulenser gewusst. Mein eigener Orden bin ich mir selbst, hingegeben der beschriebenen Vita Contemplativa. Bloß gilt gemäß meinem Metier das Labergelübde. (Mutig, ne? Leser darauf bringen, was sie vielleicht erwidern oder einem entgegenhalten können. Aber auch DAS soll den starken Autoren ausmachen. Mut-Marinade! Aber schreibt ihr erst einmal selbst!)

“Was ist wieder?“. Schreiben ist.

Nächstens mehr…

Anlauf und Anschub

“Meine Ziele, meine Ziele, sind auch mir Mysterien…“

Tocotronic, Auf dem leuchtenden Pfad der Dämmerung

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Es sei eine Regel aufgestellt, die lauten soll: je länger der Anlauf, umso kürzer der Sprung. Es ist ganz naturgemäß so: wenn ich zB einen weiten Satz ueber 6m anstrebe, wird mir ein gewisser Anlauf nützen. Renne ich aber in, sagen wir, Gelsenkirchen los, um in Magdeburg endlich zu springen, duerfen wir davon ausgehen, dass mir mein monumentaler Anlauf keinen weiten Sprung mehr gewähren wird.

Auch verhält es sich mit Verlass so: kündige ich eine Handlung an, dann wird mir die Ankündigung zum Totengräber der Tat. Da hilft das beste Besinnen nichts, keine Disziplin, keine Tugend: die Handlung wird nicht ausgeführt werden. Schuld daran ist, dass eine Ankündigung immer schon bedeutet: jemand verlangt etwas von mir, das auszuführen ich mich derzeit nicht imstande waehne. Um das Gewissen dessen, der aus welchem Grunde auch immer jedoch auf die Ausführung meiner Tat wartet, zu beruhigen, muss ich in Vorleistung gehen und da hilft gemeinhin die Ankündigung. Nun ist es jedoch auch so, dass sich unter misstrauischen Charakteren der Erwartung, die dem Ankündigenden nicht gern vertrauen, irgendwann der Typus Mensch herausgemendelt hat, der dem Ankündigenden das Versprechen abringt (dumm der Ankündigende, der sich darauf einlässt).

Das Versprechen ist ungefähr die Entsprechung zum Schuldentitel in der Geldwirtschaft: man schuldet demjenigen, dem man sein Versprechen gab, seine Einlösung. Es ist wie ein Wechsel auf eine Schuld: löst man das Versprechen nicht ein, hat man das Versprechen gebrochen. Wir hören hier ein sehr hartes deutsches Wort, das nicht gerade bescheiden zur Urteilsstärke und Härte aufruft: “Du hast dein Versprechen gebrochen.“, da kann man jemanden also, aus welchem Interesse auch immer, ein gutes Pfund vorwerfen, weil er eine bestimmte Tat, die zu vollbringen er doch versprochen hatte, nun nicht vollzogen hat. (Gar nicht so böse Zungen, die nicht notwendig misogyn schlagen müssen, behaupten uebrigens, dass das moderne Versprechen eine Erfindung der Frau ist, eine Art vorgeschossene Bekundung zur Beruhigung der immer am Rande der Hysterie stehenden weiblichen Ungeduld. Das zu behaupten sei zwar jedem zugestanden, aber…(ergänzen und befinden Sie selbst nach Belieben und Erfahrungsstand).

Mancher ist dann jedenfalls selbst schuld an der Misere des Drucks, die von einem Versprechen ausgeht: wer staendig verspricht, muss sich nicht wundern, dass er mit Verlass an der Realisierung scheitern wird. Wer sicher um sein Aufschubproblem weiß, sollte jegliches Versprechen weitraeumig umfahren. Mancher also, sage ich, durchläuft auf dem Anlauf zum Sprung einen Leidensweg, den er sich durch Dritte hat aufbedingen lassen. Der Bedingte nimmt raumgreifenden Anlauf in eine Richtung, in die er nicht will, für einen Sprung, den er nie vollziehen wollte. In Abwandlung einer bekannten Redensart ließe sich formulieren: “Versprechen lohnt sich nicht“. Überhaupt ist es ja so, dass der Anlauf immer schon die Verzögerung einer angedachten Aktion darstellt. Es herrscht höchste Bereitschaft, die angedachte Aktion auszufuehren und oft wird sogar dieser Anlauf mit viel Tamtam wie eine große Parade aufgeführt und ausgerufen, nur: daraus folgt dann nichts. Der Sprung bleibt aus. Der perfekt inszenierte lange Anlauf ist das irre Präludium zum ausbleibenden Sprung. Es geht eine Faszination aus von der Performanz der Verweigerung und Resignation. Das Ausbleiben des Handelns als vorerst stumm zum Ausdruck gebrachte Botschaft einer diametral gegenläufigen Überzeugung.

Zum souveränen und autonomen Aufschub dagegen gehört die comfort zone, in die man sich mit dem Aufschub begibt und in der man es sich häuslich in seiner enormen Seelenruhe einrichtet. Diese kontemplative comfort zone wird als alltagsresistentes Refugium ausgemacht, eine Zone der Nichttätigkeit, ein Labor der Leistungsverweigerung, ein ästhetischer Uterus, aus dem heraus die Nacht ihre tollen Taten gebiert. Die dialektisch schöne Wendung besteht darin, dass dem genialen Geist die Verweigerung einer Performanz (zB eine Erledigung zu tätigen, einer Verpflichtung nachzukommen, etc) letztlich zur Performanz der Verweigerung mutiert…aus diesem ästhetischen Freiraum wird dem, der versteht, die Kunst und die tiefe Erkenntnis geboren… Wenn nun der Anlauf zum eigentlichen Weg der Existenz wird, winkt aus dieser Richtung das Spirituelle, das ein kreativer Motor zur radikalen Lebenskunst und zum Statement wandeln wird. Der Zweifel an der Sinnträchtigkeit einer Handlungsperformanz wird umgewandelt in die Staerke der zweifelnden Besinnung und der bekennenden und bejahenden Resignation vor der Realisation. In der Möglichkeit der Auslassung steckt die unausgesetzte Freiheit.

Der Mensch, der in seinem Zaudern und Verharren seinen Weg darüberhinaus in majestätischer Langsamkeit und im souverän verzögerten Gleichmaß schreitet, wird bemerken, welche Bedeutungsaufladung Handlungen durch Langsamkeit erhalten. Es verhält sich hier wie in der Sportübertragung, in welcher noch das Wegwischen eines Schweisstropfens durch den Sportler in der 50-fachen Verlangsamung wie eine göttliche Geste wirkt. Die kultivierte Langsamkeit kehrt das Leben in die Besinnung zurueck. Wenn man den Verlauf noch der kleinsten Verrichtung in Langsamkeit so staucht, dass dabei die Langsamkeit selbst als Medium wahrgenommen wird, gelangt man zu einer Tiefe der Erkenntnis, die anders nie möglich waere.

Mein Leben bekommt exakt das Maß an aktiv-betriebsamen Anschein, das vorzuspiegeln ich mir gönne, wenn ich mich zB an einem, sagen wir: Dienstag, nach dem Aufstehen und dem Fruehstueck mit einem lauten dezisiven “Soooo…!“ mit einem Kaffee in mein Lesesofa setze und derart den Kontrast auf mich wirken lasse, dass eine ostentativ zum Handeln agitierende und es begleitende Gewohnheitsbekundung wie das “Soooo…!“ eine meditative Entspannungszeit eröffnet. Die simulative Attitüde der Betriebsamkeit ersetzt die eigentliche Tat. Aus diesem: “Auf die Plätze…fertig…stop!“ erwächst ein Lebensglück oder zumindest eine Intensität, die ich nicht missen möchte.

Das starke Moment am Aufschub ist, dass manche Aktivitäten sich durch die Nichtausführung ganz wie von selbst erledigen oder von anderen vollzogen werden. Das ist sicher kein bewusstes Delegieren dessen, was man zu tun hat, eher ein wie eine Schicksalsmacht wirkender schöner und unbewusster Hang zum Überlassen und Stehenlassen. Andere machen ohnehin oft mehr und vielleicht gar Besseres aus dem, was man hat stehenlassen.

Es ist wie mit diesem Text: vielleicht machen die Leser mehr aus ihm als sein Autor…es braucht die Eremiten der Verweigerung unbedingt. Die Mitmach-Monster und Netzwerk-“Freunde“ sind schon Legion und es werden, so zumindest vermitteln es uns soziale Netzwerke, taeglich mehr. Es ist wichtig, um die Leistungsverweigerer und Minderleister, die Aufschieber und Anlaufnehmer, Sprungverweigerer und Eskapisten, Nicht-Freunde und Meldedoofen zu wissen…diese kompensativen Kräfte, die an einem Ende wieder aufspulen, was am anderen geknüpft wird, sind wichtig, damit unsere Gesellschaft nicht zur absolut faktisch-totalisiert-effizienten Oberflaeche digital vernetzer und dauerleistungsbereiter Ressourcen-“Individuen“ verkommt. (Die Herrschaft der absolut rationalisierten Vernunft begünstigt eine implizite Religion der reinen Faktizität. Alles wird sonst nur absolute und berechenbare Oberfläche. Dazu beim naechsten Mal jedoch mehr).

So sei noch hinzugefügt, dass jedem Anlauf zum Sprung selbstverstaendlich eine kilometerlange Ankündigungswelle voraus geht, die auch der Erstehung dieses Textes eine blumige Zierleiste voranstellt. So warten einige meiner Freunde schon seit Wochen auf diesen Text, den ich ihnen sogar schon vor Monaten angekuendigt habe, unter exakt diesem Titel, der vom Anlauf spricht, wo er doch nur den Aufschub meint…dass besagten Freunden darüber mit hoher Wahrscheinlichkeit die monumentale Vorfreude implodiert sein mag, kann ich nur vermuten. Dass dieser Text sie am Ende nicht gänzlich enttäuschen mag, nur hoffen. Soviel Anlauf und Auschub also, aber ob ich aber nun gesprungen bin? Darüber, siehe weiter oben, mögen Sie als Leser gefälligst selbst befinden, vollenden Sie, machen Sie mehr draus, verfahren Sie nach Gutdünken, das hier ist eine Denkaufforderung, ein Aufschub, keine Bewältigung.

…und natürlich nächstens mehr…

Das Leben ist kein Uterus

“Der Asket macht aus der Tugend eine Not.“

Friedrich Nietzsche, Menschliches-Allzumenschliches

Wenngleich ich für gewöhnlich die Titel zu meinen Texten selbst hervorbringe, so ist dem Titel des hier vorliegenden Textes vorauszuschicken, dass er quasi einem Graffito auf dem Weg in den Untergrund der Kölner KVB-Linie 3 am Severinstraße entstammt. Dort prangt seit ca. 2-3 Jahren ein an das altgriechische Alphabet erinnerndes Graffito mit der bloßen Aufschrift: “Das Leben ist kein Uterus“. Als Urheber des Grafittos zeichnet laut Signum ein oder eine “Pallas“ verantwortlich. Ihr könnt das Bild dazu auch googlen, Schlagwort “Das Leben ist kein Uterus Graffito Köln“, denn ich habe Angst, Urheberrechte zu verletzen und kenne mich nicht aus und will mich auch nicht auskennen, weil ich zu faul bin.

Ich möchte hier nur dem schönen und mich so inspirierenden Wort in dem Schablonengraffito endlich einmal unter diesem Eintrag die Reverenz erweisen, die es verdient. Denn seit nunmehr besagten 2-3 Jahren spuken mir unter diesem Titel die diversesten Ideen zu Blogbeiträgen im Kopf herum und angekündigter als dieser Eintrag in meinem Privatleben war wohl bislang nur der Prophet Jesaja von seinen Adepten. Ich will mir gar nicht ausrechnen, was Freunde, Fans und sonstige Leser sich in den letzten 2 Jahren so dachten, wenn ich ihnen mal wieder schrieb: “Ich vermute stark, dass “Das Leben ist kein Uterus“ noch in dieser Woche, spätestens aber Ende nächster Woche erscheint!“. Besagte liebe Leser kennen imgleichen meinen Spruch: “Er macht einen langen Anlauf zum kurzen Sprung!“…jetzt also muss gesprungen werden, damit mir nicht die letzte Kraft zum Sprung schon wieder über dem langen Lauf zur Sandgrube ausgeht, also: medias in res! Und “Pallas“?! Melde dich…was hast DU gemeint? Wegen deiner festlegungsschwachen Lakonie, die du in das Graffito gepackt hast, entsteht dieser Text. Selbst schuld.

Nun ist über alldem einleitenden Brimborium der geduldige Leser bereits erschöpfter als der Autor dieser Zeilen geworden. Sonst frage ich mich auch, ob man sich nicht gleich einfach hinlegen möge, den trägen Kopf auf ein Kissen betten und weiter den Schlaf der Ungerechten schlafen. Worüber wollte ich reden? Ich werde mir jedenfalls mit diesem Text keine Freunde machen, aber das bin ich gewohnt und dient sogar einem Zwecke.

Es ist nun mal so einfach, dann wollen wir es auch so mitteilen: eure Kinder werden es nicht mehr besser haben als ihr. Wir müssen aufhören mit unserer Verwöhnkultur! Das Ende dieses kolossalen Karnevals, der nun so seit ca. 30 Jahren anhält, kommt ja nun doch. Es umgibt uns kein atmosphärisch warmer Uterus, der uns in all dem Konsum und all der aufgesetzten Dauerbeglückung durch Kauf und Kinder frei hält von den brutalen Kollateralschäden unserer Dauerbeglückung. Die Kinder wissen es übrigens schon oder ahnen es zumindest, wenn sie zu der klügeren Sorte gehören, die noch nicht, ihren Eltern gleich, den lieben langen Tag lang nur am Smartphone verbringt. Solche klugen Kinder gründen dann oder schließen sich Bewegungen wie “Fridays for Future“ an, während deutsche Oberstudienräte und ahnungslose Politiker noch auf Erfüllung der Schulpflicht drängen oder den sogenannten Digitalpakt vorantreiben, als sei die durch Menschen vorangetriebene Entwicklung der digitalen Welt per se wie eine Naturgewalt auf keinen Fall mehr aufzuhalten, sondern ihr nur noch dadurch beizukommen, dass man ihr Tempo nicht nur aufnimmt, sondern sie auch noch per decretum beschleunigt. Ein ahnungsloses dummes Vorführspiel von intendierter Kontrollabgabe. Aber davon will ich hier nicht handeln.

Wir sind ohnehin schon zu viele. Ein Freund faselt die beglückungseuphorischen Aussagen einiger “Wissenschaftler“ nach, die Erde könne ohne Problem sogar 15 Milliarden Menschen ernähren und ist beim Erzählen selbst ganz beglückt darüber. Nun, mein Freund, diese Erde, die 15 Milliarden Menschen ernähren kann, weißt du auch, wie die aussehen wird? Weißt du auch, WIE die die Produkte erzeugen wird, die die 15 Milliarden Menschen dann fressen? Was das für ein Planet Erde sein wird? Klar, man kann sich einfach nicht dafür interessieren, was so mit der Umwelt geschieht und wie die Dinge produziert werden, die man sich dann so in die Mundöffnung schiebt und später wieder gleichgültig-beglückt ausscheidet aus den antipodischen Körperöffnungen und so sein ganzes Leben und dann weiter fressen und kongestieren und sich keine Gedanken machen und hoffen, das schon alles weiter so bleibt. Den Kindern kann man jetzt alles bieten.

Das größte Unglück einer bekannten Person, die nun an Ostern mit ihrem Sohn zusammen in die Osterferien reisen kann, lautet zB nun, dass sie nicht weiß, wohin fliegen mit ihm. Sie hat nur 5 Tage Zeit, aber es soll schon ein besonderer Urlaub für den Jungen sein. Und in Europa kann man ja einem Kind auf keinen Fall viel bieten, aber so ein Fernflug für 5 Tage lohnt ja auch kaum. Ich soll ein betroffenes Gesicht zu diesen luxus-larmoyanten Aussagen zur Schau stellen. Stattdessen erwähne ich, ob diese easy going-Einstellung zum Dauerfliegen und zur Selbstverständlichkeit des Fliegens nicht ein brutal schlechtes Vorbild für das Kind wäre und ob ich selbst zB nicht anteilig einen Preis dafür verdiene, dass ich als Nichtflieger das zukünftige Klima auch ihres Sohnes mitbewahre. Die Reaktion fällt aus. Als hätte ich nichts gesagt und nur Atemluft ausgehaucht, ist der nächste Satz, im vollen Ernst und weiter mit großer Besorgnis gesprochen: “Ich muss mal echt schauen, was ich da mache. Im Reisebüro bekommt man da ja auch unklare Auskünfte. Rom und Barcelona hat er keine Lust drauf, bei Asien könnte ich mir vorstellen, dass ihn das interessiert, aber da lohnt ja für die kurze Zeit der Anflug nicht. Aber wir wollen auch unbedingt fliegen, damit das Urlaubsgefühl aufkommt und er in der Schule und bei Freunden dann was zu erzählen hat.“

Willkommen also in der Welt, wie sie wird, liebe Kinder und wie eure “entitled parents“ sie euch so vermitteln. Dabei gilt und sollte ohnehin bald das gute alte Mephistopheles-Motto: “Drum besser wär’s, dass nichts entstünde.“ in Bezug auf die anthropologische Reproduktion gelten. Oder zumindest globale Umsetzung der Geburtenkontrolle und Ein-Kind-Politik. Flankiert vom dirigierten Zusammenbruch des Verwöhnkapitalismus und einem Kollaps der Konsumkultur. Diese scheitert an ihren eigenen Bedingungen. Das Entitlement ist einfach zu totalitär und durch die nunmehr auch globale Adaption des Powerkonsums durch die gerade in den einstmaligen “Entwicklungsländern“ explodierende Weltbevölkerung der Startschuss zum gar nicht mehr so langen Lauf hin zur post-konsum-diluvialen Apokalypse. Die Beschleunigung der propagierten Ansprüche, der Erfüllung der Ansprüche und die Ausmaß des Angebotes sowie der Möglichkeiten der Affluenz und der Affluenzerwartung sind in einem Ausmaß latent, dass der Kataklysmus der Verwöhnkultur (zumindest in erdgeschichtlicher Zeitrechnung) gedacht, nicht mehr allzu fern sein mag.

“Unseren Kindern soll es einmal besser gehen“ war ein Satz, den ich schon als Kind nicht verstanden habe. “Was haben die Erwachsenen mit meinem Glück oder Unglück zu schaffen?“ habe ich mir schon damals gedacht. Soll doch auf meinem eigenen Mist wachsen, ob es mir später besser geht oder nicht. Der Satz war mir schon als Kind DIE idealtypische Phrase von Ratlosigkeit der Älteren und Alterslarmoyanz. Und doch bedeutete dieser Nachkriegssatz, wenngleich in der Opa-Generation noch legitimiert vorgetragen, schon den Griff an den Öffnungshaken der Büchse der Pandora. Wenn wir als Kinder von den damals gerade aufkeimenden Supermärkten vom Wochenendeinkauf wiederkamen, ging Omis Gesülze vom “guten Speck“ und der “guten Butter“ einem nur tierisch auf die Nüsse, wenn man schon ganz andere Sachen zu verschlingen gewohnt war. Klar ging es einem besser…und jetzt Schnauze, Grandma! Wir wollen nichts mehr von eurem Graubrot auf dem Flüchtlingstreck und ausgemergelten Kinderkörpern in Straßengräben hören.

Wir waren schon zu Predatoren der Verwöhnkultur erzogen worden. Gierige Fressmäuler und Schlemmerland-Konsumenten, die ihre Omnophagie einmal weitervererben und ihrer Nachbrut nicht allein in die Gene legen, sondern auch wie selbstverständlich es ihnen in die noch unkritischen Kinderköpfe hineinpropagieren: “Ihr könnt alles haben. Wir werden euch alles ermöglichen. Wir haben wie die Maden im Speck gelebt. Nun also lebt ihr auch wie die Maden im Speck, sogar noch besser! Ihr sollt alle Möglichkeiten haben, nichts sei euch verwehrt. Mann, ist das ein geiles Leben.“

Und so lautet einer der most unsexy Begriffe, die man in die Debatte einführen kann, Verzicht! Das Leben ist kein Uterus. Keine Nabelschnur versorgt uns gleich einem mütterlichen Engel mit atmosphärisch reiner Luft, die NICHT unser pestilenten Atmosphäre entstammt. Kein artifizieller Uterus wärmt uns länger als die obligatorischen neun Ursprungsmonate, sondern allein der Klimawandel, den wir uns selbst geschaffen haben. Kein Uterus hält uns unverantwortlich für die Scheiße, die wir bauen, indem wir anhäufen, kaufen, bedenkenlos reisen und essen, bedenkenlos den Kindern Wünsche nicht nur erfüllen, sondern diese sinnlos generieren, indem wir auch sinnlos Kinder zeugen. Das Leben ist kein Uterus.

Dies könnte auch zum befreienden Spruch der endgültigen Emanzipation der Frauen von der ihnen doch als ach so selbstverständlich angedichteten Inklination zum Kinderkriegen geraten! DAS LEBEN IST KEIN UTERUS. Warum sollte sich die Frau nicht auch ohne Kinderwunsch verwirklichen können? Ein Großteil der geborenen Kinder kommt ohnehin in die Welt, wenn nicht als Koitus-Kollateralschaden, dann doch hocheuphemisiert zum Wunschkind, wo der Wunsch dann zwar nicht Vater des Kindes, so aber doch des Gedankens war, dass ein Kind so unbedingt wünschenswert wäre. “Wie siehts bei euch aus mit dem Kinderkriegen?“ ist ja Akkulturation pur statt primär weiblicher Inklination, die sich ja angeblich immer zum Kinderkriegen durchsetzt. Aber was weiß ich von diesen Dingen zu berichten? Ich blicke nur staunend in diese Parallelwelten, in denen Kinder geboren werden zu keinem anderen Zweck, als dass man auf seiner Abhakliste “Leben“ das nicht ganz folgenlose Kästlein “Kind bekommen“ grün anhaken und sich so irgendwie erwachsen oder komplett im Leben stehend präsentieren kann. Am Kind manifestiert sich dann das Erreichen all der hochgeschraubten Ziele und der Fortbestand “pursuit of happiness“-geladener Gen-Sätze. Das elterliche Ego, das im Kind als willfährigem Genom-Appendix die Zeitalter wider alle Erwartung irgendwie doch noch zu überdauern meint. Wo nehmen die Menschen nur ein solch monströses Ego her? Oh, edles Verlöschen des eigenen Gen-Pooles.

Verzichtet auf ein Kind. Oder wenn Kind, dann nur eines. Und sich immer fragen: “Warum genau wollen wir jetzt nochmal einen weiteren Verbraucher in diese Welt setzen?“. Trägt nur bei zur unmäßigen Gentrifikation der Erde. Adoptiert Kinder! Sucht euch alleinstehende Eltern als Partner, die schon Kinder haben. Zügelt eure intendierte Fortpflanzungsbereitschaft und hinterfragt sie…mehrfach! Sie ist egoistisch und zerstört eurem geplanten Nachwuchs nachhaltig exakt die schöne neue Welt, die ihr ihm zu bieten meint. Da kanns man doch auch gleich lassen. Wenn ich zur Behebung eines Problemes, den Problemauslöser fortwährend in den Lösungsansatz hineinbringe, sollte mir aufgehen, dass es der einfachste Weg sein wird, den Problemauslöser als schaffenden Faktor der Problemgenese zu erwägen.

Das Schöne am Verzicht auf ein (zumindest weiteres) Kind ist, dass das Kind, das nur Idee bleibt, die erwogen und dann wieder verworfen wurde (also das nie gezeugte, nie geborene “Kind“) von seiner Nicht-Verwirklichung nichts weiß und nie wissen wird. Dies nur in Richtung solcher Leser, die eventuell schon empört einen Aufruf zum Infantizid wittern. Hier sei nur von der Vermeidung unnötiger Konsumenten die Rede.

Verzichtet auf die Kindereuphorie. Predigt nicht länger das Evangelium der aufgesetzt “geilen“ Consumer-Laune. Erliegt nicht mehr der Propaganda, dass sich am Kind die wie unschuldig wirkende Notwendigkeit unserer Konsum-Ekstasen manifestieren muss. Der am radikalsten zu denkende ehrliche und natürlich ernste Schritt auf dem Weg in die souveräne Verzichtgesellschaft zum Erhalt der Lebenswelt bedeutet den freiwilligen Verzicht auf den Kinderwunsch und somit auf den Sieg des souveränen Willens gegen den ohnehin so perfiden Gen-Egoismus der Spezies. Wir müssen aufhören, besinnungslos “Nachkommen“ in eine Welt zu setzen, die zu vernichten wir gerade im Begriff sind, durch unsere Ansprüche und durch unsere Masse. Ob, wer sich dem Kinderwunsch entgegenstellt, auch das Menschenleben an sich in Frage stellt, ist eine andere Frage für einen anderen Tag.

…nächstens mehr…




Der Mann mit der SMS-Flat oder: einleitende Betrachtungen zur Discount-Kommunikation und ähnlichen Formen der Meldedummheit I

“Nun leben Sie wohl, wenn anders Sie überhaupt noch leben.“

Aus der Schlussformel eines mahnenden Briefes von Christian Fürchtegott Gellert (1715-1769) an einen meldedummen Freund

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In schillernderen Tagen meines alten Blogs habe ich einige Epopöen auf die Meldedummheit geschrieben, an denen ich im Jahre 2016 doch ordentlich zweifeln muss. Verstehen Sie mich recht, nicht an den Texten will ich zweifeln, aber doch an der Lobenswürdigkeit der Meldedummheit, an der ich ja zugegebenermaßen immer noch selbst aktiv leide. Wissen Sie überhaupt, wovon ich schreibe, wenn ich von der ‚Meldedummheit“ schreibe, lieber Leser?

 

 

Es ist ein bekanntes Phänomen, dass man sich an jemanden wendet auf dem schriftlichen Wege und es kommt keine Antwort oder eine Antwort erfolgt zwar, diese aber so arg zeitversetzt, dass der Antwortende in seiner Mail/Brief fast seine halbe Vita rekapitulieren muss, um den Schreibenden auf den neuesten Stand seines Lebens zu bringen, wo es doch ursprünglich nur eine ganz simple Frage zu beantworten gab. Noch komischer, im buchstäblichen Sinne des Wortes “komisch“, ist dabei die Variante, dass jemand zunächst initiativ! schreibt, daraufhin eine Antwortmail vom Angeschriebenen erhält, selbst dann aber ins Schweigen verfällt.

Possierliche Variationen ergeben sich in den Rechtfertigungsantworten der Meldedummen zwischen euphorischen “Ab jetzt wird alles anders und ich melde mich wieder regelmäßig“-Pasticcios bis hin zum “Sorry“-ismus, einer Inflation von “Sorry, ich hatte viel zu tun.“-Mails, die den Empfänger derselben immer irgendwo im weiten Orbit zwischen Irrelevanz und dem Selbstvorwurf der vermeintlichen eigenen Beschäftigungslosigkeit (da man selbst ja anscheinend genug Zeit findet, dem anderen zu schreiben) schweben lassen.

Im idealen Fall, so damals meine Zwischenbetrachtung in Hinblick auf das Phänomen “Meldedummheit“, erinnert eine solche Korrespondenz an ein Korrespondenz-Tennis: es geht immer ganz gut hin und her, landet der “Meldeball“ in meinem Feld, returniere ich den Ball wieder ins Feld des Mit-Korrespondenten zurück, der ihn wieder in mein Feld returniert, etc.

Um nur noch für einen kurzen Moment in diesem Bild zu bleiben und zum Thema des heutigen Eintrages zu kommen: mir erscheint es nun so, als wäre ich in Sachen Melde-Tennis in der letzten Zeit einer dieser Spieler, die Aufschläge über das Netz hämmern, die nicht returniert werden (können?). Ich schlage also immerfort Melde-Asse, denen keine Antwort folgt. Nun mag diese Eröffnung ins Thema subjektiv erscheinen und mancher Leser sich denken: “Was schreibt der schräge Typ wohl auch für Mails/Nachrichten?“.

Dann aber wiederum, wo ich ausgesuchte Freunde und Bekannte imgleichen über dieses Phänomen klagen höre, möchte ich das Ganze lieber doch im ersten Teil meiner Auslassungen zum Thema ins Staatstragende wenden: kann es sein, dass die digital zerrüttete Gegenwart und die allgemein zu beobachtende “What’s-Appisierung“ der Fernkommunikation die klassische Korrespondenz zerschossen hat?

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Nun begleitet das Phänomen der Meldedummheit die Menschheit seit man miteinander fernkommuniziert. Von einer gewissen Grundzähigkeit im Angang der Kommunikation zeugen Myriaden von Briefwechseln von sowohl berühmten Persönlichkeiten als auch “everyday people“, in welchen sich immer wieder derselbe Topos der Schreib- und Mitteilungshemmung an den anderen deutlich macht. Es gibt ehrliche Erklärungen, es gibt Vertröstungen, Lügen, durchschaubare Entschuldigungsmanöver und den zutiefst empfundenen Ausdruck über die Verwunderung in Bezug auf die eigene Meldesperrigkeit: “Warum ich mich nicht meldete, verstehe ich ja selbst kaum gut genug, als dass ich es dir erklären könnte.“ Das haben die schreibenden Krieger in den Feldpostbriefen zB aus dem Ersten Weltkrieg dem gewöhnlichen Meldefaulen allerdings voraus: sie können auf den Schützengrabeneinsatz als nicht gerade vernachlässigteren Hinderungsgrund in Bezug auf das Schreiben verweisen.

 Aber dennoch werde ich den Verdacht nicht los, dass die klassische, wie ich sie verstehe, zusammenhängende und vertiefende Korrespondenz zwischen zweien auf der roten Liste der aussterbenden Kommunikationsarten steht und ich meine als Grund dafür den Whatsapp-Wahn der Mitmenschen ausgemacht zu haben. Ich sehe es ja bei den Menschen meiner Umgebung, wie sie allein noch Aufmerksamkeit ihren im Minutentakt eintreffenden belanglosen Meldungen schenken. Dagegen waren ja SMSen noch Romane. Tatsächlich allerdings gibt es noch einige wenige Menschen, die um der Nettigkeit willen mit mir via SMS kommunizieren, da ich als Konsequenz, dass ich nicht bei Facebook bin, naturgemäß auch bei Whatsapp vergeblich gesucht werde und man kommt sonst schlecht an mich heran, wenn man es denn überhaupt möchte. Diese “Nettigkeit“ bekommt man dann aber schnell zu spüren,wenn man nach einer Pflichtantwort des Gegenübers in aller Lakonik sich dann flugs wieder auf sich selbst zurückgeworfen findet. Mögliche Nachfragen werden dann schon relativ genervt beantwortet oder mit einer Gegenfrage: “Sag mal, wann schaffst du dir denn jetzt auch endlich einmal WhatsApp an?“
Es ist schon ganz klar: eine SMS-Flat ist in diesen Zeiten ungefähr so attraktiv wie Fernschach auf Postkarten.

Und so klingt die Frage der letzten Zeit an mich selbst: sind eigentlich “deine“ Leute jetzt alle “bei“ WhatsApp? All die Leute, die sonst immer so beredt waren und sich ausführlich mitteilten und mit denen man, wenn auch ins Digitale transformiert, eine Korrespondenz führte, die diesen Namen auch tragen durfte: sind die jetzt alle da oder wo sind sie, da sie sich ja nicht melden? Da man in der Zwischenzeit als Person ja nun vermutlich nicht merklich abscheulicher geworden ist, als man es zuvor vielleicht schon war, liegt der Verdacht nahe, dass viele Zeitgenossen die klassische, Zeit in Anspruch nehmende Korrespondenz mittlerweile viel zu anstrengend finden und durch den Zeitgeist inzwischen diametral anders ausgerichtet worden sind.

Die Logik der WhatsApp-Message ist die einer Discount-Kommunikation um der permanenten Kommunikation willen, die Chat-Logik hat dabei die Bereitschaft zur nachhaltigen Kommunikation, die eben die klassische Korrespondenz darstellt(e), völlig zerschossen. Dieselben Leute, die sich zB bei mir darüber beschweren, dass sie teure SMSen verschicken müssen, um mit mir zu kommunizieren, schicken mir dann aber auf eine Frage, wo man denn zB sich treffen möchte, diese sechs SMSen innerhalb von 20 Sekunden:

1. Café Lichtblick

2. Ist Arnoldistraße 2

3. Am besten U-Bahn XY

4. Bin um 17.10 Uhr da

5. Hab Bucht dabei.

6. Buch

Die gesamte Info hätte man gemütlich in eine SMS packen und sich Kosten sparen können, ich hätte auch einige Minuten auf die Infos gewartet, kein Ding. Aber die Chat-Logik, die die Kommunizierenden dazu zwingt, möglichst in Echtzeit Informationen zu äußern, ist zu einem irrwitzig-hysterischen Reflex geworden. Das Ganze hat etwas von respektloser Zombie-Kommunikation, der man offensichtlich anmerkt, dass sie in alle Richtungen und mit konstant wechselnden Gesprächspartnern beliebig austausch- und hinrotzbar ist.

Meine Theorie: je mobiler Kommunikation wird, umso flüchtiger wird sie imgleichen, man könnte auch von einer liquiden Kommunikation sprechen (oder gleich einer Liquidation der Korrespondenz?). Man schafft über die Beschleunigung der Mitteilung ein Abschleifen des gesellschaftlichen bindenden Aspektes derselben. Relevanz kommt der Kommunikation als fortlaufendem Flow in Echtzeit zu, da diese äußerst novophil wirkt, d.h. kurzzeitig Endorphine freiwerden lässt. Das Glück des Handy-Piepsens wird inflationiert, es brummelt, sirrt und piepst und pfeift fortwährend aus dem “Smart“phone: “Es ist immer jemand da für Dich.“ wäre  daher eine entsprechende Phrase für dieses Glücksgefühl, dass sich die Masse der miteinander Kommunizierenden mittlerweile durch die Inflationierung der Mitteilsamkeit schafft.

Discount-Kommunikation bedeutet also auch eine spürbare Banalisierung des Inhaltes von Messages: während intellektueller Tiefgang bei dieser Form grundsätzlich vermieden bzw allein schon durch die Form unmöglich wird, werden banale Zusammenhänge durch das fortlaufende Kommunizieren darüber aufgewertet und derart in ihrer Relevanz grotesk verzerrt.Ersparen Sie es mir an dieser Stelle, lieber Leser, als Beweis u.a. die infantilen Petitessen-Dialoge zu zitieren, die ich mir bei Freunden schon anhören musste.

Eine solche Regression der Kommunikation bringt es dann bei den “Betroffenen“ konsequent mit sich, dass an die Konzentration, um überhaupt eine Korrespondenz mit jemandem aufzunehmen, nun gar nicht mehr zu denken ist. Wenn es dann einer mal doch versucht, wohl wiederum aus “Nettigkeit“, endet das in Mails, die ohne die Verwendung von “linking words“ oder sonstigen, diverse Sinnabschnitte verbindenden, Phrasierungen auskommen und lieber “durch“nummerieren, um daraufhin in Ziffernblöcken auf diverse Aspekte meiner Ausgangsmail zu antworten. Eine solche Form der Kommunikation trägt dann schon deutlich bürokratische Züge und erinnert daher nicht ohne Grund eher an ein Amtsschreiben als an eine Korrespondenz unter Freunden. Um mögliche Antwortfreudigkeit meinerseits von allem Anfang an auszublockieren, wird zusätzlich natürlich auf das Nachfragen bzw Fragestellen verzichtet. Bloß nicht wieder das Korrespondenzmonster wecken, dass einen aus der Meldedummheit reißen möchte! Kommunikative Stillosigkeit hat immer auch etwas von einem Krankheitsbild.

Nun mag mancher Zeitgenosse diese Abflachung der Kommunikation für normal und erstrebenswert halten und über eine weitere mitmenschliche Nachlässigkeit bloß milde lächeln. Darauf erwidere ich, dass ich zwar mit Meldedummheit (also der Unfähigkeit eines jemanden, sich bei einem anderen zu melden, obwohl man es gern würde) absolut leben kann, zumal man selbst daran leidet. Discount-Kommunikation dagegen führt über die Einsilbigkeit bei gleichzeitiger Inflationierung der Mitteilung hin zu einer Verflachung und Simplifikation des Denkens. Statt Tiefe und Durchdringung erwartet einen bei der Lektüre seichte, völlig dem Moment ergebene Hingeworfenheit, an die sich nicht weiter anknüpfen lässt. Wer solche Formen der Kommunikation wählt, kommt nicht mehr auf qualitative Sprünge in der Beziehung zwischen zweien, sondern neigt auf Dauer zum Flachwassertauchen im Niveau-Nichtschwimmerbecken.

Ich habe dann auch einfach keine Lust mehr auf Antwort-SMSen wie die eines (bislang noch recht) intelligenten guten Freundes auf meine Ursprungsnachricht, in der ich eine Botschaft ganz deutlich und verständlich in einer SMS mitgeteilt habe. Seine Antwort darauf in 3 SMSen (12 Sekunden-Takt)

1. Ok

2. Wie Mainz du das?

3. Meinst

Der nächste Teil dieser Betrachtungen wird sich einer Archäologie der Meldedummheit und der verflachenden Korrespondenz-Kompetenz widmen, also folgerichtig:

…nächstens mehr…